14.11.2011 um 18:00

Bibliothèque nationale de Luxembourg

Kommentierte Lesungen

Organisiert vom IPW in Zusammenarbeit mit der Bibliothèque nationale du Luxembourg
Kommentierte Lesungen

  Kommentierte Lesungen

Lesungen

14. November 2011

 

 

Das IPW veranstaltete am 14. November 2011 einen Leseabend mit Rundtischgespräch unter dem Namen „Kommentierte Lesungen”. Die

Veranstaltung war Teil der Reihe „Tatort: Großregion“.
Jeanne E. Glesener, Josy Braun, Pierre Decck
Zusammenfassung: Vier Krimiautoren der Großregion gaben Kostproben aus ihren neusten Werken, die alle in der Großregion spielen. Dass ihre Werke jedoch deshalb nicht als „Regionalkrimi“ bezeichnet werden können, betonten alle Autoren. Die Geschichte und der soziokulturelle Kontext spielten eine mindestens ebenso große Rolle wie die Geographie. Die Autoren hoben außerdem die Besonderheiten ihrer Romane im Gespräch mit den internationalen Kollegen und der Wissenschaftlerin Jeanne E. Glesener hervor: Jacques Berndorfs journalistische Erfahrungen, Josy Brauns Interesse für eschichte, Pierre Decocks multikultureller Hintergrund und Steve Rosas Vorliebe für Charaktere

 

Gespräch

Gibt es einen Regionalkrimi?

Jeanne E. Glesener, deren Forschungsschwerpunkt unter anderem der Kriminalroman ist, versuchte die Werke der Autoren in die Entwicklung des Genres Kriminalroman einzureihen. Hierzu griff sie den populären Begriff des Regionalkrimis“ auf. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin zog eine Verbindung zwischen den ersten Kriminalromanen der namhaften Autorin Agatha Christie, die – so Glesener – wie die vier geladenen Autoren, Geschichten geschrieben habe, die sich auf überschaubare Personengruppen und kleine Orte konzentrierten. Schon hier habe sich der Kriminalroman dadurch ausgezeichnet, das trügerische Bild der heilen Welt auf dem Land aufzulösen. Eine Rückkehr zu diesem Konzept sah Glesener – nach einer Zeit der Kriminalromane, die hauptsächlich in Weltmetropolen (wie London, New York oder Los Angeles) spielten – im so genannten „Regionalkrimi“.

Jacques Berndorf bezeichnete sie als Ausdruck von „Schubladendenken“ und unterstrich, dass es bei seinen Werken primär um die Geschichte und nur sekundär um den Schauplatz gehe. Zu einem späteren Zeitpunkt fügte der Autor seiner Ansicht – zwar in scherzhaftem Ton, aber auch entrüstet – hinzu, dass seine Werke sogar einige Male als „Heimatroman“ bezeichnet worden seien.

Seiner Meinung schloss sich vor allem der französische Autor Steve Rosa an. Auch in seinen Werken spiele zwar die französische Provinzmetropole Metz eine herausragende Rolle, er erkenne den Regionalismus jedoch mehr in der Begrenzung auf ein sozio-kulturelles denn auf ein geographisches Umfeld. Das Lokalkolorit, welches Glesener als ein Hauptcharakteristikum des „Regionalkrimis“ herausstellte, spiele jedoch in seinen Romanen, z.B. in Form von regionalen Spezialitäten oder regionalem Brauchtum immer wieder eine Rolle.

Dass über die regionale Thematik zweifellos eine stärkere Verbindung zwischen Autor, Geschichte und Leser hergestellt würde, betonten alle Autoren.

Für Josy Braun sei die Hauptintention für das Schreiben seiner Romane – neben seinem Interesse für das Kriminelle – „über das zu schreiben, was ich kenne“. Auch Pierre Decock betonte, dass dies besonders wichtig für ihn sei und dass er sich nicht vorstellen könne, dass seine Krimiromane in einem anderen Umfeld „funktionieren“ würden. Nur im regionalen Kontext gelinge es ihm „realistisch“ zu schreiben und einen Wiedererkennungseffekt beim Leser zu erzielen. Dass dieses Konzept aufgeht, zeigte sich eindringlich, als Decock das überwiegend luxemburgische Publikum mit einer Verfolgungsszene auf den allseits bekannten blauen „Vel’oh-Rädern“ in Luxemburg-Stadt sichtlich erheiterte.

 

Der journalistische Regionalkrimi: Jacques Berndorf

 

Jacques Berndorf


Mit seinem ersten „Eifel-Krimi“ startete der ehemalige Journalist und Autor Jacques Berndorf eine populäre Romanserie um einen journalistischen Ermittler. Nach eigenen Aussagen bringe er nicht nur in seiner Hauptfigur, sondern auch in seinem schriftstellerischen Vorgehen seine berufliche Erfahrung als Journalist ein, in dem er seine Geschichte ausgehend von einem Todesfall recherchiert. Er verriet dem luxemburgischen Publikum, dass die Fälle seiner Kriminalromane meist auf wahren Tatsachen beruhten und er diese Umstände „für seine Eifel-Krimis klaue“. Dann beginne er sich mit Behörden wie den Staatsanwaltschaften in Trier, Wittlich oder Koblenz in Kontakt zu setzen und den Fall langsam aufzuarbeiten. Der Ansatz eines Journalisten, sich mit Verbrechen und Kriminalität auseinanderzusetzen, gefalle ihm besser als der polizeiliche. Ihm ginge es außerdem darum, die „Provinz zum Sprechen zu bringen“. Mit einem Augenzwinkern wies Berndorf darauf hin, dass ländliche Regionen wie die Eifel Unangenehmes nach Außen gerne totschwiegen, auch wenn die interne Kommunikation sehr gut funktioniere. So verhinderten die täglichen Telefonkonferenzen der Eifeler Frauen, von Berndorf als „Provinzbeben“ bezeichnet, dass sich ein Geheimnis in den Ortschaften lange halten könne.


Der historische Regionalkrimi: Josy Braun

 

Josy Braun


Der luxemburgische Schriftsteller, Journalist und Übersetzer Josy Braun schrieb 1997 seinen ersten Kriminalroman in luxemburgischer Sprache. Zur Lesung brachte er sein neuestes Werk „De franséichen Doud vum Oscar Messidor“ mit. Das Besondere an diesem Werk ist sein historischer Hintergrund. Braun, der zwar kein Historiker, aber ähnlich wie Berndorf durch seine journalistischen Erfahrungen geprägt ist, habe durch einen Kontakt Zugang zu einem historischen Dokument erhalten, das eine Verbindung zwischen der Region und der Geschichte der französischen Jeanne d’Arc aufzeige. In Frankreich sei kürzlich eine wissenschaftliche Veröffentlichung hierzu erschienen. Da Braun eine Vorliebe für das Genre des Krimis einräumte, sind praktisch alle seine literarischen Werke von  kriminalistischen Elementen beeinflusst. Das historische Dokument habe so auch sein Interesse gewonnen. Außerdem betonte er, es sei ihm immer wichtig, Luxemburg in seinen Geschichten eine besondere Stellung zukommen zu lassen, um es von seinem unvorteilhaften Ruf des französischen „Hinterlandes“ zu befreien.


Der Regionalkrimi als „Integrationsmodell“: Pierre Decock

 

Pierre Decock


Der gebürtige Belgier Pierre Decock nahm 2003 die luxemburgische Staatsbürgerschaft an und veröffentlichte 2008 seinen ersten Roman „Toccata“.

Neben seinen schriftstellerischen Tätigkeiten ist Decock auch als Informatiker, Finanzberater und Comiczeichner tätig. Decock las aus seinem neuesten Werk „In Articulo Mortis“, in dem der portugiesischluxemburgische Inspektor Joao Da Costa ermittelt. Mit der doppelten Nationalität seines Protagonisten weist Decock nach eigenen Angaben zum einen auf seine eigene Situation und zum anderen auf die Multikulturalität der luxemburgischen Gesellschaft hin. Inhaltlich stelle die luxemburgische Kriminalität für Decock das Hauptaugenmerk dar. Er beziehe jedoch auch gerne die luxemburgischen Beziehungen zu anderen Ländern in seine Geschichten ein. Aufgrund dieser beiden internationalen Aspekte, wurde Decocks Kriminalroman besonders von den Medien als „Integrationsmodell“ wahrgenommen. Obwohl „In Articulo Mortis“ Teil einer neuen Kriminalroman-Serie sein soll – der erste Teil war unter dem Titel „De Profundis“ erschieben – betonte der Autor, dass er immer wieder neue Charaktere in seine Geschichten einbringen möchte. Nur Mme Welschbillig, die sowohl in „Toccata“ als auch in den beiden Da Costa-Krimis eine Rolle spielt, möchte der Autor als konstante Figur behalten.

Die Regionalkrimi als Spiegel der Gesellschaft: Steve Rosa

 

Steve Rosa écoute le mot de bienvenue de la bibliothèque nationale de Luxembourg


Der ursprünglich aus dem Burgund stammende Krimiautor Steve Rosa situiert die Geschichten seiner Romane meistens in Metz. Bei den einleitenden Worten zu seiner Lesung aus seinem neuesten Werk „C’est Bécassine qui assassine“ erklärte Rosa, dass ihm die Stadt bei einem Besuch sehr gut gefallen und er sie deshalb als Kulisse für seine Geschichten gewählt habe. Wie schon der Titel seines Buches verrate, welcher auf die französische Comicfigur „Bécassine“ – eine scherzhafte Darstellung der typischen bretonischen Putzfrau in Paris um 1900 – hinweise, gehe es Steve Rosa in seinen Werken besonders um die Darstellung überzeichneter Charaktere. Jeder Leser solle sich in einer der sehr individuellen Figuren wieder erkennen können. Sein Anliegen sei es, durch die oft doppelte Identität der einzelnen Personen, ein Bild der heutigen multikulturellen Gesellschaft zu zeichnen und vergessene Randgruppenwieder in den Mittelpunkt zu rücken. An dieser Stelle erkannte Glesener eine Rückkehr zum Roman Agatha Christies und wies auf das hauptsächlich in Deutschland bekannte Lied „Der Mörder ist immer der Gärtner“ von Reinhard Mey hin. Rosa betonte jedoch, dass es ihm darum ginge, die heute bestehende Vorstellung, dass es sich bei Mördern immer um eine „tugendhafte“ Person handeln müsse, ad absurdum zu führen. Insgesamt sei für ihn beim Schreiben jedoch hauptsächlich dasLeserinteresse und seine Leidenschaft für Geheimnisse von Bedeutung.

 

Vue du public

Autoren:

Jacques Berndorf (D) las Die Eifel Connection – 2011- Ed . KBV

Josy Braun (L) las De franséichen Doud vum Oscar Messidor – 2011- Ed. Phi

Pierre Decock (L) las Articulo Mortis – 2011- Ed. Binsfeld

Steve Rosa (F) las C’est Bécassine qui assassine – 2011- Ed. Serpentine

Moderatorin:

Jeanne E. Glesener  wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften an der Universität Luxemburg.

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