23.01.2012 um 18:30 Uhr

Abtei Neumünster, Luxemburg

Georges-Arthur Goldschmidt – Gespräch mit Dr. Paul Rauchs

Organisiert vom Institut Pierre Werner mit Unterstützung des CCRN

Georges-Arthur Goldschmidt – Gespräch mit Dr. Paul Rauchs

 

Georges-Arthur Goldschmidt

 Gespräch mit Dr. Paul Rauchs

Montag, 23. Januar 2012
18:30 Uhr

 

 

Als erster Gast der neuen IPW-Reihe Wie man wird, was man nicht war hat sich der Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt mit dem Psychiater Paul Rauchs über sein Leben, die Eigenheiten der deutschen und französischen Sprache und über sein jüngstes, 2011 im Seuil-Verlag erschienenes Werk L‘Esprit de retour unterhalten.

 

 Ausschnitte des Gesprächs

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Gespräch in voller Länge

 

 

 

Die Angst, jemand zu sein, der er nicht war
Georges-Arthur Goldschmidt versteht es, die Narben, die eine durch den Nazionalsozialismus zerstörte Kindheit hinterlassen hat, mit Feinsinn und einer gewissen Fröhlichkeit anzusprechen. Goldschmidt wird 1928 in Hamburg in eine streng protestantische und überzeugt deutsche Familie mit jüdischen Wurzeln geboren. Als er 11 Jahre alt ist, ist er gezwungen, Deutschland zu verlassen und seine Eltern nie wieder zu sehen. Nach einem ersten Aufenthalt in Florenz kommen er und sein Bruder schließlich 1939 in Frankreich an. Dieser protestantische Junge, der erst durch die Schreckensherrschaft der Nazis erfährt, dass er Jude ist, wird nun also katholisch getauft, um dann nach dem Krieg ein glücklicher Atheist zu werden. Mal ist er Deutscher, mal Franzose, und sein ganzes Leben lang spürt er die mit Schuldgefühlen behaftete Angst, jemand zu sein, der er nicht war.

 

Die therapeutische Kraft des geschriebenen Wortes
Da er eine große intellektuelle Sympathie für die Psychoanalyse empfindet, zieht er das geschriebene Wort dem gesprochenen jedoch vor, um die Dämonen zu bezwingen, die ihn quälen. Denn das geschriebene Wort erlaubt es ihm, das Unerträgliche auszudrücken so wie man den Finger in eine Wunde legt, nicht um sie zu heilen, sondern um den Schmerz zu spüren.

 

Ein Leben mit zwei Geliebten, das Französische und das Deutsche
Als Übersetzer und Schriftsteller findet Georges-Arthur Goldschmidt sein literarisches und vielleicht auch sein menschliches Gleichgewicht in der immer neuen Gegenüberstellung der französischen und der deutschen Sprache. Da er mit beiden engstens vertraut ist, ist er sich täglich ihrer Feinheiten, Unvereinbarkeiten, ihres Rhythmus und ihrer Grenzen bewusst. In dieser Dreiecksbeziehung ist er der Mann, der abwechselnd fasziniert und irritiert von den unbeugsamen Charakteren seiner beiden Geliebten ist.
Wenn er von der « allessagenden Kindlichkeit der deutschen Sprache » spricht, während das Französische eher « maskiert daher kommt und eine Sprache der Anspielungen ist », dann ist das die Emotion und die Sensibilität des Liebhabers, die da spricht und nicht etwa die des Sprachforschers.

 

Goldschmidt, Handke und die Kindlichkeit
Dieser poetische Ansatz, dieser Ausdruck des Sensiblen hat seine Beziehung zu dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke, dessen Werk Goldschmidt ins Französische übertragen hat, geprägt. Trotz gelegentlicher Unstimmigkeiten (durch Handkes Serbienengagement bedingt) oder vielleicht gerade aufgrund derer, kann er nicht anders, als sich mit ihm in derselben « Kindlichkeit » zu vereinen, diese vollendete Art der poetischen Leichtigkeit, die befreit ist vom Horror des Kindischen im Erwachsenen.

 

Auf der Suche nach den Freuden und Leiden der verlorenen Zeit
Mit dieser Poesie wagt er sich in seinem letzten Werk L’Esprit de retour daran, die Erinnerungen an die untrennbaren Erfahrungen des Leidens, der Freude und der Kindheit wachzurufen. Er entdeckt im Laufe der Vergegenwärtigung dieser Zeit, Deutschland im Jahre 1949, sein Heimatland wieder. Der Nationalsozialismus, die Kriegszeit, ihre Zerstörungen und die Niederlage haben bis dato nichts verändert. Er findet also in dem Land seiner frühsten Kindheit « eine Bevölkerung, die immer noch durch ihre Vergangenheit gehemmt scheint»  vor. Die unglaubliche Entwicklung Deutschlands, die seine Bewohner von diesen Hemmungen befreit, findet erst wirklich nach den Auschwitzprozessen 1967 statt.
Als Sprachenliebhaber betont Georges-Arthur Goldschmidt, dass Sprachenvielfalt die Menschen ungemein bereichert. Aber nach mehr als 70 Jahren in Frankreich gibt er mit dieser Prise Koketterie, die seinen Charme ausmacht, zu : « Ich möchte auf dem Sterbebett Französisch sprechen, das ist meine Alltagssprache ! ».

Biografie:
Georges-Arthur Goldschmidt

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Organisiert vom Institut Pierre Werner mit Unterstützung des Centre Culturel de Rencontre Abbaye de Neumünster

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