30.11.1999

Diskussion der Teilnehmer

Diskussion der Teilnehmer

 

Diane Krüger warf dann die Frage auf, wie beeinflusst Politiker von äußeren Einflüssen seien. Colette Flesch erklärte, darauf gebe es keine spezifische Antwort. Der Handlungsspielraum von Politikern hängt von räumlichen und zeitlichen Faktoren ab. Das politische System Frankreichs ist beispielsweise anders als das Luxemburgs. Manchmal hat man das Gefühl, die Finanzbranche bestimme alle Entscheidungen, dann wehren sich Politiker wiederum gegen diese scheinbare Übermacht. Des Weiteren ging Flesch noch auf einen aus ihrer Sicht wichtigen Unterschied zwischen Künstlern und Politikern ein. Während sich der Politiker neben seinem Eigeninteresse auch um das Gemeinwohl kümmern muss, geht es dem Künstler in erster Linie darum, seine ureigenen Empfindungen auszudrücken.

Christian Mosar versuchte, diesen Vergleich zwischen Kunst und Politik noch weiter zu führen, indem er einen Satz von Boris Groys zitierte, der die Gleichberechtigung aller Bilder in der Kunst verlangt, sowie in der Demokratie auch alle Menschen gleich sind. Mosar ist jedoch mit diesem Satz nicht ganz einverstanden. Er fuhr fort, indem er über Stars in Politik und Kunst redete und stellte fest, dass  gegenwärtig die Stars in der Politik von einem wesentlich breiteren Publikum bekannt sind als die Stars in der Kunst.

Kristina Volke griff das Konzept der Inszenierung auf, um über die Bilder Olivier Rollers zu sprechen. Volke erinnern Rollers Porträts an die Herrscherbildnisse der Renaissance. Die Idee ist aber eine andere. Es geht nicht darum, eine bestimmte Person mit Macht zu porträtieren. Vielmehr gibt Roller seiner Vorstellung von Macht viele Gesichter. Die große ästhetische Dimension von Rollers Arbeit ist laut Volke, dass er aus dem Konkreten wieder abstrahiert. Das Resultat ist eine „hochgradig komplexe künstlerische Leistung.“

Hierauf wurde die Debatte auch dem Publikum geöffnet. Der Vorsitzende des Kulturzentrums Abtei Neumünster merkte an, dass in Rollers Bildern das Auge das am meisten prägende Element sei. Dies drückt die wesentliche Funktion der Kunst aus, nämlich sehen und zeigen. Hier kann man wiederum die Verbindung zur Demokratie herstellen. Sowohl in der Kunst als auch in der Demokratie ist die Begegnung ein zentrales Element.

Eine weitere Frage aus dem Publikum betraf das bisher nur indirekt angeschnittene Thema der Propaganda. An Olivier Roller wurde die Frage gerichtet, ob die Porträts seiner Machtmenschen nicht indirekt für ihn ein Mittel seien, sich selbst zu propagieren und in den Mittelpunkt zu stellen.

Olivier Roller antwortete, dass es schwierig sei, es jedem recht zu machen. Einige kritisieren, dass er die porträtierten Menschen in einem zu schlechten Licht darstelle. Stellt er sie positiv dar, kommt der Einwand, er stelle sich damit indirekt selbst in den Mittelpunkt. Roller betonte nochmals, dass er gegenüber den Personen, die er porträtiert, in keiner Weise voreingenommen sei. Es geht ihm nicht darum, diesen oder jenen in einem positiven oder negativen Licht darzustellen.

Christian Mosar griff diese Idee auf, um seine Sicht auf Rollers Bilder darzulegen. Für Mosar benutzt Roller die Methode des Manierismus. Rollers Bilder lassen sich laut Mosar in die Medienbourgeoisie einordnen. Der französische Fotograf verwendet Masken, die gerade noch an der Grenze des Annehmbaren sind. Dadurch wird seine Arbeit beinahe schon grotesk.

Olivier Roller betonte nochmals, dass er nicht mit Modellen sondern mit „echten“ Menschen arbeite, die es nicht unbedingt gewohnt seien, sich ablichten zu lassen. Ferner hat er vor dem Fotografieren wirklich keinen festen Plan, wie er jemanden abbilden will. Er stellt schlicht das dar, woran er denkt, wenn er die Person betrachtet.

Aus dem Publikum kam noch eine Anmerkung von Filip Markiewicz, Zeichner des zuvor erwähnten Bildes „Banque de Tolérance“, zum Verhältnis zwischen Kunst und Politik. Für ihn verwischt sich die Rollenverteilung zwischen Künstler und Politiker zusehends. Dadurch, dass der Politiker auch Unterhaltung bieten muss, kann man ihn auch als Künstler bezeichnen. Ebenso nimmt der Künstler in einigen Situationen die Rolle des Politikers ein.

Diane Krüger griff diese Anmerkung auf und richtete an die Diskussionsrunde die Frage, inwiefern Kunst politisch sei und wie das Verhältnis zwischen Kunst und Politik zu bewerten sei.

Colette Flesch merkte ironisch an, dass Künstler vielleicht politisch aktiv sein könnten, dass die meisten Politiker, die sie kenne, jedoch keine Künstler seien.

Christian Mosar verbindet diese Frage mit der Demokratie. Er betonte, dass man nicht unbedingt Demokrat sein müsse, um Kunst zu schaffen. Schließlich bedauert er ein wenig, dass der deutsche Bundestag sich eher zu einem Kunstmuseum entwickelt hat statt zu einem Ort, an dem über Kunst diskutiert wird.

Kristina Volke gab zu, dass sie sich bei der Aussage, Künstler seien auch Politiker, etwas unwohl fühle. Zwar wollen sowohl der Künstler als auch der Politiker gestalten, jedoch mit dem Unterschied, dass der Künstler auf der individuellen Ebene verbleibt und nicht der Gesellschaft verpflichtet ist.

Olivier Roller fragte daraufhin, ob der Künstler folglich dazu verdammt sei, im Museum zu verbleiben. Man könne sich doch vorstellen, dass ein Künstler neben seiner kreativen Aktivität auch noch in Institutionen aktiv sei und sich in dieser Rolle auch wohl fühle. Daraufhin entgegnete Volke, dass dies vielleicht theoretisch denkbar, in Wirklichkeit jedoch eher selten sei. Der einzige Künstler, von dem sie sicher weiß, dass er sich auch als Politiker verstand, war Joseph Beuys.

Die letzte Frage, die von Diane Krüger aufgeworfen wurde, betrifft die Zensur. Inwiefern unterliegen Künstler und Kuratoren, selbst in Demokratien, der (Selbst)Zensur?

Christian Mosar führte hier ein Beispiel von seiner Tätigkeit im Rahmen der Weltausstellung in Shanghai an. Dort gab es natürlich Auflagen, beispielsweise durften weder Tibet noch Geschlechtlichkeit noch Kommunismus thematisiert werden.

Schließlich forderte die Moderatorin die Teilnehmer nochmals dazu auf, ihren Standpunkt zum Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Politik in einigen Sätzen zusammenzufassen.

Colette Flesch betonte, dass die Politik für die Kunst seit jeher sehr wichtig war. Kunst wurde traditionell von Mäzenen unterstützt. Heute spielt zumeist die öffentliche Hand die Rolle des Mäzens. Kunst und Kultur könnten ohne öffentliche Gelder kaum überleben. Gleichzeitig spricht sich Flesch für eine Neutralität der öffentlichen Hand bezüglich des Inhaltes der Kunst aus. Eine Ausnahme stellen lediglich Verletzungen der öffentlichen Ordnung, wie zum Beispiel Pornografie, dar.

Kristina Volke warnt vor dem Irrglauben, dass alles, was Kunst und Kultur ist, per se als gut bewertet werden muss. Es geht, laut Volke, kein Gleichheitszeichen zwischen Kunst und Politik. Zwischen beiden muss immer die Freiheit stehen, sie ist das Verbindungselement zwischen Kunst und Politik.

Olivier Roller ging nochmals auf das Verhältnis zwischen der öffentlichen Hand und der Kunst ein. Am Beispiel der „Monumenta“, einer Ausstellung, die in Frankreich vom Staat ins Leben gerufen wurde, jedoch dann vom Künstler selbst finanziert werden muss, erklärte er, dass es inzwischen auch andere Finanzierungsmodelle gibt, die durchaus viel versprechend sind.

Christian Mosar kam nochmals auf das Thema Zensur und Überwachung zu sprechen. Er sieht keine Gefahr, dass der Künstler gleichsam zum Rädchen in einem orwellschen Überwachungsstaat wird. Die Zeiten des allmächtigen Überwachungsstaates sind vorbei.

Diane Krüger beschloss die Gesprächsrunde, indem sie auf die Weiterführung der Reihe „Kunst & Politik – Politik & Kunst“ verwies und zur Vernissage der Ausstellungen einlud.

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