08.06.2011

Festivals, Kultur und Territorien in Lothringen und in der Großregion – Bericht (2)

Festivals, Kultur und Territorien in Lothringen und in der Großregion – Bericht (2)

Marina Chauliac, Beraterin im Bereich Ethnologie der Kulturdirektion Rhône-Alpes (und vorher Lothringen), leitete am Vormittag die Podiumsdiskussion.

Zunächst kündigte sie die vier Themen, die auf dem Programm standen, an:

– Definition, Anfänge und Entwicklung der Festivals
– Territorialisierung und Deterritorialisierung der Festivals
– Bilder, Bräuche, Herausforderungen der Festivals
– das Publikum von Festivals

Jean-Marc Leveratto, Leiter des 2L2S-Teams, hält es für wichtig, den Standpunkt über die lokale Kultur, die oft als eine Art Unterkultur betrachtet wird, dem aktuellen Zeitgeist anzupassen. Seiner Meinung nach kann die lokale Kultur an der Modernität teilhaben und sogar kulturelle Innovationen hervorbringen. Jean-Marc Leveratto hatte seinen Beitrag folgendermaßen benannt: „Imitation, Erfindung und Innovation“. Während seines Vortrags stellte er die Ergebnisse seiner Beobachtungen vor, die er anhand der anthropologischen Methode über das italienische Filmfestival von Villerupt und das arabische Filmfestival von Fameck gemacht hatte. Beide In der Tat entstand das arabische Filmfestival von Fameck in den 90er Jahren und wurde nach dem Modell des italienischen Filmfestivals von Villerupt, das aus dem Jahre 1976 stammt, geschaffen. Während seines Vortrags versuchte Jean-Marc Leveratto die gemeinsamen Punkte sowie die Unterschiede dieses Unternehmens zu erläutern. Was ihre Entstehung angeht, stehen beide Festivals in Zusammenhang mit der Modernität. Das von Villerupt steht in Verbindung mit der Stahl- und Filmindustrie. In Longwy, wozu Villerupt gehört, gibt es eine sehr starke Filmkultur. Das Festival stammt ursprünglich aus einer kleinen Personengruppe des Ciné-clubs und entstand im Kontext der Eisenhüttenschliessungen der Umgebung. Am Anfang verfolgte das Festival keinerlei Absichten, sondern diente dazu, ein wenig Geld einzusammeln, um Amateurfilme zu drehen. Das erste Festival dauerte eine Woche lang und war ein großer Erfolg. Danach entwickelte es sich zu einer richtigen Industrie.

Das arabische Filmfestival von Fameck stellt für seinen Teil das Bündnis verschiedener kultureller und gesellschaftlicher Vereine dar. Das Festival findet in einem Viertel von Fameck, das mit einem schlechten Image behaftet ist, statt. Es handelt sich in der Tat um eine Veranstaltung mit staatsbürgerlichem Engagement: Das Festival entstand im Kontext des ersten Irakkrieges in den 90er Jahren. Im Gegensatz zum Festival von Villerupt, das sich immer weiter industrialisiert und professionalisiert, behielt Fameck seine Organisationsstruktur  bei. Die Vereine organisieren das Festival und sprechen die Bürger direkt an. Das Festival von Villerupt kennt einen spezifischeren Aufbau. Es zieht, was die Organisation angeht, Nutzen aus dem Know-how des Kulturteams der Gemeinde. Dank dieser Expertise kann das Festival sich verbreiten. So ermöglichen die italienischen Sprachkenntnisse eines Anteils der Organisatoren einen einfacheren Kontakt mit den Produzenten aus Italien. Jean-Marc Leveratto hob ebenfalls die Besonderheit der Grenze hervor, die ab den 60er Jahren einen Einfluss hatte: RTL zeigt jeden Abend einen Film. Lothringen profitiert von der Projektion dieser kommerziellen Filme. Eine Filmkultur baut sich langsam innerhalb der Familien auf. Die Festivals von Villerupt und Fameck begleiten also die Modernisierung der Region.

Emmanuel Négrier stellte er einige Fragen und äußerte sich über die Ansichtsweise, die für diese Arbeit angewendet wurde: inwiefern verändert die anthropologische Methode unseren Blick auf die Festivals? Außerdem scheint diese, der Programmationsstudie gegenüber, an ihre Grenzen zu gelangen. Der Rückgriff auf eine strategische Analyse würde ermöglichen, tiefer zu gehen und gleichzeitig die ethnologische Methode zu würdigen. In der Diskussion mit dem Publikum machte Jean-Louis Fabiani, Forschungsleiter an der „Ecole Pratique des Hautes Etudes en Sciences Sociales“, Paris, darauf aufmerksam, dass das Festival von Fameck damit konfrontiert ist, dass es im Gegensatz zur italienischen Einheit (die von Villerupt unterstützt wird) keine arabische Einheit gibt. Wie kann der hyperlokale Raum von Fameck zum Konstruktionsort des arabischen Raumes werden?  Infolgedessen präzisierte Jean-Marc Leveratto, dass das arabische Filmfestival von Fameck immer nach der Idee funktioniert, ein bestimmtes arabisches Land zu ehren und unterstrich ebenfalls das Ausmaß sowie die Qualität des Filmfestivals von Villerupt auf internationaler Ebene. Bei der arabischen Filmproduktion ist das anders, da es kein Unternehmen gibt, das die Kinobegeisterten permanent unterhalten kann. Das arabische Filmfestival von Fameck wird von Jugendlichen des Viertels, die von den traditionellen Tänzen genug haben und mithilfe des Films in die Modernität eintreten wollen, getragen.

 

Daraufhin startete das EIREST-Team unter Leitung von Maria Gravari-Barbas eine offene Diskussion über die vier Thematiken des Tages. Während ihrer Forschungsarbeit verstießen sie gegen die Einheiten von Ort, Zeit und Handlung, beziehungsweise Thema, die normalerweise die Festivals bestimmen, und versuchten eine operationsfähige Definition zu finden, die ebenfalls den Usus der Akteure berücksichtigt. Anhand von Umfragen im Festivalpublikum und Gesprächen mit den Veranstaltern wurde eine Anzahl von Elementen zusammengetragen. Michel Felix, Professor für Management an der Universität Lille 3, präsentierte die Vorgehensweise zur Erstellung des Interview-Leitfadens. Da das Team sich aus drei Forschungseinheiten zusammenstellt, wurde entschieden, verschiedene Vorgehensweisen zu berücksichtigen, um so die theoretischen Ansätze zu überschreiten. Der genealogische Ansatz dient dazu, den Ursprung des Festivals und seiner Akteure zu analysieren. Sind es Ortsansässige? Gibt es eine lothringische Genealogie der Festivals? Der funktionsorientierte Ansatz ermöglicht es unter anderem die Auswirkungen der nahen Grenze zu betrachten. Der teleologische Ansatz beschäftigt sich mit der Zukunft des Festivals. Es gibt in der Tat, was die Ambitionen angeht, große Unterschiede zwischen den Festivals; manche wollen sich steigern, andere wollen auf dem gleichen Niveau bleiben. Die Analyse der Werte bzgl. Austausch und Nutzung ist ein weiterer Aspekt ihrer Vorgehensweise. Sie interessieren sich insbesondere für das, was passiert, wenn das Festival beendet ist.

Der Aspekt der Kommerzialisierung behandelt schlussendlich die Technologien der Marke: man spricht zum Beispiel von der Verbreitung und den Marktrechten eines Festivals. Diese unterschiedlichen Angehensweisen dienten zur Aufstellung der Problematik.

Stéphane Filipovitch, professioneller Berater, Universität Lille 3, erwähnte Longwy und Épinal als grenzüberschreitende Standorte mit gemeinsamer Kultur. Der Karneval von Longwy steht für eine wieder gefundene Einheit und Herkunft. Laetitia Garcia, Dozentin für Management, Universität Lille 3, behandelte die Thematik „die Erscheinung, die Verwandlung und das Verschwinden eines Festivals“ anhand des Festivals „Ma rue prend l’aire“. Dieses Festival wurde 2001 von einer kleinen Gruppe von Theaterliebhabern gegründet. Es findet auf dem Land statt, in einem Gebiet mit 300 Einwohnern. Dieses Festival hat die Besonderheit, ausschließlich auf ehrenamtliche Arbeit zu beruhen: Die Bewohner der drei Dörfer beherbegen während des Festivals die Akteure und Truppen. Das Festival findet alle zwei Jahre statt. 2009 stand das Festival vor dem Problem, dass die Einwohner dem Festival zwar beiwohnen, aber nicht mehr die Akteure unterbringen wollten. „Ma rue prend l’aire“ stellt also ein konkretes Beispiel sowohl für den Aufbau als auch für die Krise eines Festivals dar.

Daraufhin fragte Emmanuel Négrier, inwiefern ihre Analyse es ihnen ermöglicht, eine regionale Eigentümlichkeit herauszuziehen. Die Forscher antworteten daraufhin, dass es sich um die Aufwertung des oft negativen Bildes Lothringens handele.

 

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