22.03.2012

Europa als Bildungsraum und Wissensgesellschaft? Daniel Tröhler

Europa als Bildungsraum und Wissensgesellschaft? Daniel Tröhler

Menschen, Bürger und Nationen.

Kulturen der Organisation von Lernen in den modernen Schulsystemen im Westeuropa des frühen 19. Jahrhunderts

Vortrag anlässlich der Tagung „Europa als Bildungsraum und Wissensgesellschaft?, organisiert durch das Institut Pierre Werner Luxemburg und das Georg-Eckert-Institut Braunschweig. Luxemburg, 22.-23. März 2012, Abbaye de Neumünster

Daniel Tröhler, Professor an der Universität Luxemburg, analysierte im Rahmen seines Vortrags die Entstehung der öffentlichen Bildungssysteme in Westeuropa im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dieser Prozess gehe, so Tröhler, mit der Entstehung der modernen Nationalstaaten einher. Mit der Gründung des niederländischen Bildungssystems beginne er 1814 und ende mit der des luxemburgischen 1843. Nur Russland und die Türkei hinken dieser Entwicklung hinterher, s. Karte. Der legislative Aspekt dieser Systeme ähnle sich, da viele der grundlegenden Gesetze der verschiedenen Staaten vom niederländischen Recht inspiriert sind.

In der Verwaltung der europäischen Schulen gebe es jedoch laut Tröhler unterscheidbare Organisationspraktiken, die sich unterschiedlichen überlieferten kulturellen Ordnungsmustern verdanken, und es waren gerade diese kulturellen Kontinuitäten, so Tröhler, die es den neuen Schulsystemen erlaubten, sich im Rahmen des nation building durchzusetzen. Es gebe die zentrale vs. lokale Governance sowie unterschiedliche Kommunikationspraktiken, die von oben nach unten oder von unten nach oben verlaufen. Das Controlling des professionellen und sozial-moralischen Verhaltens der Lehrer verlaufe auf ebenfalls unterschiedliche Weise, es gebe strengere und liberalere Kontrollsysteme mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Schwerpunkt auf den auch statistisch belegten Fortschritt des Schulsystems. Genauso variiere auch die Intensität und Vielfältigkeit der Partizipation der Lehrer bei der Entwicklung dieser Systeme.

Tröhler folgert, dass die kulturellen Kontinuitäten in der institutionalisierten Organisation von Lernen jeweils ein bestimmtes Wertesystem reflektieren. Daher können an einem Ort funktionierende Strategien nicht so einfach auf andere Kulturen mit anderen Traditionen, Werten und Bedeutungen übertragen werden.

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