vom 13.02.2012 bis zum 14.02.2012

Abtei Neumünster,Luxembourg-Grund

Kulturelle Dimension des Marktes – Konferenz

Organisiert vom Institut Pierre Werner und der Universität Luxemburg mit Unterstützung des CCRN
Kulturelle Dimension des Marktes – Konferenz

 

Ökonomie – Narration – Kontingenz

Kulturelle Dimension des Marktes

Konferenz

13. und 14. Februar 2012

Abtei Neumünster

 

Bericht

Jürgen Wertheimer (Tübingen), gestaltete den Titel seines Vortrags als literarisches Sprachspiel: „Die Börse / das Böse – eine Institution im literarischen Stresstest“. Wertheimer gliederte seine Ausführungen in drei Teile: 1. Markt, 2. Börse, 3. Der Wert des Menschen. Unter dem ersten Punkt artikulierte Wertheimer seine Skepsis gegenüber dem Prinzip des Marktes: Wettbewerb sei nicht alternativlos! Das Modell Wettbewerb sei für die „Egomanie“, die Wertheimer an den Börsen ausmachte, ursächlich verantwortlich: „Wir sind alle wettbewerbssüchtig geworden“, formulierte Wertheimer kulturkritisch. Rankings und Exzellenzcluster an den Universitäten führten zu einer „Infantilisierung des Denkens aus dem Geist der Punktevergabe“. Schlichte Zahlenspielerei werde dabei zu Magie aufgewertet. Zwar wollte Wertheimer seine Ausführungen dezidiert nicht als Beginn einer Klage über den Untergang des Abendlandes verstanden wissen, doch eine Klage formulierte er allemal. Es drohe, so warnte er, ein Sprachverlust, der Wettbewerb sei nichts als eine humane Variante von Brunftkämpfen (also, so die Suggestion, eher dem Bereich der Natur zuzuordnen). Konsequent fragte Wertheimer nach der „Kultur des Wettbewerbs“. In der Literatur jedenfalls werde diese nicht repräsentiert, Zolas L’Argent mache etwa klar: es handelt sich an der Börse um ein Schlachtfeld, auf dem Krieg um Macht, Sex und Geld geführt werde. Es gebe auf diesem Schlachtfeld aber, so lasse sich bei Zola zeigen, eigentlich keine Akteure, sondern offenbar nur Reagierende. Wo Identitäten zersplitterten, höre das Spiel auf. Allein schon aus ästhetischen Gründen wollte Wertheimer „Individuen ungern in Wettbewerber“ verwandelt sehen. Als Inspirationsquelle sei der Wettbewerb ein „trüber Brunnen“ und letztlich sogar unökonomisch: die Welt bestehe nicht aus Gegnern, sondern sie sei wesentlich komplexer strukturiert. Formen, die diesem Umstand Rechnung trügen, seien erst noch zu entwickeln. Unter dem 2. Punkt „Die Börse“ berief sich Wertheimer auf Marx, Balzac und Zola: sie alle beschrieben die Kapitalisierung des Geistes. Alle Bereiche werden dabei zur Ware, bis schließlich die Welt selbst Warencharakter besitze. Dass in einer solchen Welt jedoch alle Figuren nur als „Looser“ aus dem Spiel gehen könnten, müsse entlarvt werden. Denn der Wettbewerb stimuliere den Menschen nicht etwa, die „Rennbahn des Überbietens“ sei vielmehr eine strukturelle Unterforderung – mit bösen Folgen. Als Mischung zwischen Bordell und Theater mache die Börse, wie vielfach in literarischen Texten gezeigt werde, Menschen zu „Bestien“. Schließlich – und damit gelangte Wertheimer zum dritten Teil seines Vortrags – gehe es um die Definition dessen, wie viel der Mensch wert sei. Die Literatur suche Momente der Abrechnung und gehe dabei genau diesen Fragen nach, so etwa in Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame. Das Stück werfe die Frage auf, ob Gefühle in Relation zu einem Preis stehen. Diese Frage verhandelt auch der Film Ein unmoralisches Angebot. Wenn im Film die Moral siege, dann werde durch die Summe von einer Million die Hochwertigkeit der Moral versichert: „wir sind im Premiumsegment“. Hier war Wertheimers wortgewaltiger Vortrag am stärksten: Beim Nachweis, dass das einfache Ausspielen von Moral gegen Geld sich allzu schnell in Aporien verfängt.

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Bernd Blaschke (Berlin) befasste sich mit „Vertrauensmetaphern“ und behandelte „Kreditprobleme von Luhmann bis Kluge“. Der Begriff des Vertrauens wurde von Blaschke als eine Antwort auf Kontingenz vorgestellt. Vertrauen sei ein Kapital, das zumeist stillschweigend vorausgesetzt werde. Vertrauensdiskurse, die dieses Stillschweigen durchbrechen, deuteten daher zumeist auf Vertrauenskrisen hin. Die aktuelle Banken-, Finanz- und Schuldenkrise deutete Blaschke als (auch) eine Vertrauenskrise: denn Vertrauen bildet die kulturelle Voraussetzung des Marktes. Es sei für die Literaturwissenschaft an der Zeit, mit Sozialwissenschaften, Psychologie und Ökonomie gleichzuziehen und mit der Beforschung von Vertrauen zu beginnen. Niklas Luhmanns theoretischer Zugriff auf den Vertrauensbegriff stand Blaschke bei seinen Ausführungen Pate. Fehlende Information, so Luhmann, wird durch eine intern garantierte Sicherheit ersetzt – genau so definiert sich Vertrauen. Das aber – und hier ergibt sich der Anknüpfungspunkt an die Erzähltheorie, die Blaschke in origineller Pointierung als „Rating-Agentur“ apostrophierte – wird auch von jedem Leser literarischer Texte erwartet. Narrationen werde in der Regel zunächst einmal mit Vertrauen begegnet. Unzuverlässiges Erzählen dagegen müsse eigens im Text signalisiert werden. Zur Illustration seines Forschungsprogramms zu Vertrauensmetaphern, das Blaschke am Ende vorschlug, stellte er Alexander Kluges DVDs Früchte des Zorns vor, in deren Booklet Vertrauen als anthropologische Konstante eingeordnet werde. Die „Rating-Agentur“ Literaturwissenschaft, die Blaschke an dieser Stelle vertrat, konnte Kluge jedoch kein triple A verleihen: Das Vertrauen in den Intellektuellen Kluge werde belastet, da die DVDs mit den 11 Stunden Filmmaterial zum Großteil eine Kompilation älterer Werke darstellten und eben, anders als vom Verlag suggeriert, keine aktuelle Reaktion auf die Finanzkrise.

 

Die Brüder Stefan und Ralph Heidenreich (Kassel, Biberach) beantworteten in ihrem Vortrag „Eine Zukunft, die fehlt, und eine Zukunft, die scheitert“ ihre Frage danach, was sei, wenn es tatsächlich nicht weitergehe und die Finanzkrise zur Katastrophe führe, mit einem komplizierten Tafelbild, das von Hedge, Speculative und Ponzi in die Katastrophe und schließlich zur Utopie führte. Neben Zeit, Modus, Richtung und Syntax war jeweils auch ein Medium zugeordnet. Das Medium der Katastrophe war demnach im Kino und in Computerspielen zu sehen, während die Rolle des Mediums der Utopie dem Netz – und darin facebook – zukam. Während die Frage danach, was passiert, wenn es nicht weitergehe, eine auf die Zukunft ausgerichtete ist, habe die Germanistik eine Zeitkonstruktion, die einen solchen Blick gar nicht zulasse: sie agiere immer rückblickend und mit geringer Risikobereitschaft. Dabei kursiere womöglich jetzt schon in Bruchstücken eine neue große Erzählung, die in ihrer Ganzheit erst nach der Katastrophe sichtbar werde.

 

Der Publizist Wolfgang Schmidt (Göteborg / Berlin) trug vor zum Thema „Realabstraktion und Geldfetisch – zum Verhältnis von Wirklichkeit und Schein“. Geschichten über Geld, so führte Schmidt aus, betreffen uns in hohem Maße. Dabei sei eigentlich ungeklärt, was Geld überhaupt ist. Wir stehen, mit Marx gesprochen, vor dem „Geldrätsel“. Sicher sei aber, dass Geld etwas ist, was uns alle verbindet. Schmidt berichtete von der Utopie junger Wissenschaftler in den 70er Jahren, die annahmen, dass Stammesgesellschaften in Südamerika „natürlich“ lebten und die Ambivalenz der westlichen Welt so nicht kennen würden. Schmidt selbst stellte auf seinen ethnologischen Forschungsreisen fest, dass das nicht stimmte: In den Stammesgesellschaften entscheiden Spiel und Wettbewerb darüber, wer welchen Status in der Gruppe hat. Die Einführung des Marktes verändere eine Gesellschaft jedoch tiefgreifend und führe, so Schmidts These, „immer zu Armut“. Gerade vor diesem Hintergrund erinnerte Schmidt daran: „Es gibt keine anthropologische Konstante, die uns zum Markt verdammt.“

 

Rolf Nohr (Braunschweig) als Medienwissenschaftler in der Runde trug zu „Aktionslernen“ und „Unternehmensspielen“ vor. Ausgehend von computergestützten Unternehmensplanspielen stellte Nohr die Frage, ob das Spiel am Computer als Probehandeln oder Handeln einzuordnen sei. Mit den herangezogenen Unternehmensplanspielen brachte Nohr faszinierendes Material mit. Die Unternehmensplanspiele wurden in den 1960er Jahren zur Führungsausbildung und zur Didaktik ökonomischer Rationalität eingesetzt. Alle diese Spiele – und hier kommt eben die Literaturwissenschaft ins Spiel – sind in ein Narrativ eingebettet. Gemeinsam ist ihnen die Idee der Modellierbarkeit; anhand der Spiele wird aber auch kritisch über den Reduktionismus der Modelle nachgedacht. Auch dann, wenn der Einsatz des Computers im Grunde nicht sinnvoll war, wurde an der Idee des Computischen ganz offensichtlich festgehalten. Der gesellschaftliche Wunsch überstieg jedoch die Möglichkeiten der Maschine. In den 70er Jahren hatte schließlich so gut wie jedes Unternehmen ein eigenes Planspiel. Das Spiel Marga etwa ließ sich zuschneiden auf einzelne Unternehmen. Ab 1975 wurde klar: das didaktische Versprechen der Spiele hatte sich nicht erfüllt. Heute wird nach Feierabend gespielt – und doch bilden einige Spiele wie der Fifa-Manager 2010, bei dem es letztlich um die Bearbeitung von Excel Tabellen geht, oder auch das Stadtplanungsspiel Sim City ungebrochene Linien zur Arbeitswelt.

 

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Natalie Bloch (Luxemburg) analysierte in ihrem Vortrag „Vorhang auf zur Hauptversammlung – Rimini Protokoll besucht die Daimler AG“ die Inszenierung von Rimini Protokoll, in der die Aktionärshauptversammlung der Daimler AG als Theateraufführung deklariert wurde. Durch diese Verrückung in den theatralen Raum kommen theatrale Aspekte in den Blick, gegen die sich der Vorstand der Daimler AG freilich abgrenzte. Die Inszenierung „Hauptversammlung“ als eine Form des parasitären Theaters führte zu einer Verunsicherung darüber, was an der Versammlung inszeniert sei und was nicht. Dabei änderte die Theaterbehauptung bereits den Ablauf. Mit der expliziten Ansage zu Beginn: „Dies ist kein Theater“ vollzog Daimler dabei – freiwillig oder unfreiwillig – den Schulterschluss mit dem bürgerlichen Illusionstheater.

 

Georg Mein (Luxemburg) eröffnete seinen Vortrag „‚Sticky Messages‘: Was passiert, wenn Ökonomen Erzählforschung betreiben – und was Literaturwissenschaftler daraus lernen können“ mit einem Ausschnitt aus der Antrittsrede des amerikanischen Präsidenten Obama am Morgen nach seiner Wahl. Darin bezog sich Obama mit starken Worten auf die Opfer der Vorfahren, auf denen die Gegenwart beruhe. Welches Bedürfnis, so fragte Mein, befriedigen Erzählungen wie diese? Ein Bedürfnis nach Narrativen scheine hier auf, das es wohl rechtfertigt, vom Homo Sapiens als Homo Narrans zu sprechen und eine anthropologische Prädisposition des Menschen zum Erzählen zumindest in Betracht zu ziehen. Sprache und Narration sind dabei komplementäre Phänomene. Beginnt die Sprache, beginnt auch die Narration. Erzählungen, Narrationen, Stories sind also allgegenwärtig – und das auch in der Ökonomie. Das wird, wie Georg Mein berichtete, in jüngerer Zeit auch von der Wirtschaftswissenschaft selbst reflektiert. Deirdre McCloskey etwa und andere Vertreter des New Economic Criticism begreifen, inspiriert vom New Criticism, die Ökonomik als hermeneutische Wissenschaft. Nachgewiesen wird dabei die Literarizität wirtschaftswissenschaftlicher Texte. Georg Mein stellte zwei Beispiele für Erzählforschung von Ökonomen vor. Zunächst zog er Rolf Wunderers Der gestiefelte Kater als Unternehmer heran. Der Wirtschaftswissenschaftler aus St. Gallen generiert darin aus Märchen Erkenntnisse für die Managementlehre. Allerdings werden hier die Märchen lediglich zur Illustration betriebswirtschaftlicher Lehren herangezogen. Wesentlich überzeugender schien Georg Mein da die Untersuchung von Chip und Dan Heath Made to stick. Why some ideas survive and others die. Darin bewerten die Brüder nach ästhetischen Kriterien, welche Texte „Erfolg“ haben – also bekannt sind und bleiben. Daraus ergibt sich das SUCCESs-Modell, nach dem Texte „simple, unexpected, concrete, credible, emotional“ sein und den Charakter einer „story“ haben müssen. Wird vielleicht, so fragte Mein am Ende seines Vortrags, ein so aufgebautes Narrativ benötigt, um Griechenland aus der Krise zu führen? Fehlt den Griechen ganz einfach eine große Rede über den europäischen Traum?

 

Rolf Parr (Duisburg-Essen) fragte in seinem Vortrag danach, wie „Kollektivsymbole Narrationen des Ökonomischen“ konstituieren. Seine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Diskursivität und Narrativität ging davon aus, dass der diskursive Status der Ökonomie ambivalent sei, allein schon deshalb, weil sich das Feld der Ökonomie dadurch auszeichne, dass es verschiedene andere Spezialdiskurse integriere (etwa Mathematik, Statistik, Recht, Psychologie). Der Status der Ökonomie sei der eines Zwitters „zwischen spezial- und interdiskursiver Orientierung“. Die Konfiguration ist insgesamt jedoch noch komplexer, wie Parr ausführte, der insgesamt drei interdiskursive Scharnierstellen der Ökonomie ausmachte: Erstens die genannte Bündelung verschiedener Spezialdiskurse. Zweitens die Notwendigkeit, innerhalb der selbst stark ausdifferenzierten Ökonomie den Brückenschlag zu leisten, zum Beispiel zwischen Finanzmathematikern und Händlern. Und drittens muss die Ökonomie nach außen den Anschluss an die Öffentlichkeit suchen und mit Medien kommunizieren. An diesen Scharnierstellen sind jeweils unterschiedliche Diskursmodi gefragt. Denn Spezialdiskurse sind auf Denotation und Eindeutigkeit angelegt, vermittelnde Interdiskurse hingegen auf Konnotation (so etwa die topische Rede darüber, dass „der Gürtel enger geschnallt“ werden müsse). Solche konnotativen Interdiskurse wirken aber auch auf die Ökonomie zurück; es handelt sich mithin um einen wechselseitigen Austausch. Dies zeigte Rolf Parr an mehreren Beispielen. Zunächst ging er auf die medio-politische Rede über Ökonomisches ein. Am Beispiel eines Artikels des Ökonomen Jan Amrit Poser zeigte Parr, dass es in dessen Ausführungen von Kollektivsymbolen und Metaphern geradezu wimmelte. Während sich hier Pictura und Subscriptio noch recht leicht identifizieren und analysieren ließen, verkompliziert sich die Sachlage bei der Berichterstattung in audiovisuellen Medien. Die Sendung „Börse im Ersten“ ist etwa durch den komplexen Aufbau, bei dem zu den Aussagen des Sprechers nicht nur illustrierende Bilder kommen, sondern auch noch ein Textband mit Börsennotierungen über den Bildschirm läuft, am Ende kaum noch zu entschlüsseln. Auch der Wechsel zwischen Journalisten- und Expertenrede führt dazu, dass gar nicht mehr gesagt werden könne, ob nun vom Ort der Ökonomie oder vom Ort des Journalismus aus gesprochen werde.

In einem zweiten Schritt betrachtete Parr Kollektivsymbole, Charakterbilder und Narrative in der Ökonomie. In den Blick nahm Parr dabei das Narrativ von Krise und „Re-Normalisierung“ im Zusammenhang mit der seit 2007 andauernden Krisensituation. Dabei zeigt sich, dass der entsprechende Diskurs auch innerökonomisch auf den Bildbereich von Krankheitsverläufen rekurriert (so ist die Rede von „Fieber“, „Ansteckung“, „Epidemie“ und dann von „Gesundung“ und „Heilung“). Die Kollektivsymbolik wirkt dabei auf die Suche nach Handlungsoptionen zurück, wie Parr ausführte: „Wer sich einem ‚Flächenbrand‘ gegenübersieht, der wird löschen wollen und wer sich im ‚freien Fall‘ befindet, wird diesen ‚abbremsen wollen‘.“

 

„Märkte als gemischte Sprachspiele“ nannte Birger Priddat (Witten/Herdecke) seinen Vortrag, den er explizit als Metavortrag angelegt hatte, der das Verhältnis von Theorie und Praxis beleuchten solle. Zum Einstieg hielt Priddat fest, dass in der Wirtschaft auch ohne einen Begriff von Ökonomie wirtschaftlich gehandelt werden könne. Priddat unterschied eine Sprache Ö, also die der Ökonomie, von einer Sprache A, der Alltagssprache. Dabei enthalte die Sprache A ebenfalls kleinere Theorien, die mit anderen Heuristiken operiere als Ökonomen das erwarteten. Wirtschaftsakteure denken eben in aller Regel nicht in Ö, allenfalls in alltagsökonomischen Dialekten von A. Ö sei also letztlich darauf angewiesen, A zu interpretieren, wenn Ö die ökonomische Situation verstehen wolle. Wie Rolf Parr vor ihm wies auch Priddat darauf hin, dass Entscheidungen maßgeblich von den Bedeutungen abhängen, die die Sprache liefert. Sprache ist in diesem Sinne handlungsleitend, die Übersetzungsschwierigkeiten zwischen Ö und A haben also höchste Relevanz. Ökonomie sei letztlich zu einem großen Teil Sprachanalyse. Insofern sei die Literatur für sie von hohem Interesse, denn hier sei die A-Auffassung von Ökonomie dokumentiert.

 

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Wolfgang Pircher (Wien) trug vor zu „Politische Ökonomie als pädagogische Erzählung“. In der Ökonomie seien Vater-Sohn-Beziehungen häufig davon geprägt, dass Väter aus den Söhnen Unternehmer machen wollten – was oft genug misslinge. Pircher illustrierte dies am Verhältnis von James und John Stuart Mill, wie es in der Autobiographie des Sohnes aufscheint. Auffällig ist dabei, dass politische Ökonomie als pädagogische Erzählung die Instanz der Mutter umgeht; auch in John Stuart Mills Autobiographie kommt die Mutter zunächst gar nicht vor. Von Harriet Mill existiert kein einziges Bild; es ist überliefert, dass James Mill seine Gattin für eine „unintelligente Hausfrau“ hielt. Im Rahmen einer doppelten Wiederkehr der Mutter, so argumentierte Pircher psychoanalytisch, heirate John eine Frau, die ebenfalls den Vornamen Harriet trägt – und setze sich zugleich kritisch mit der ökonomische Erzählungen schreibenden Harriet Martineau auseinander.

 

Heiko Christians (Potsdam) unternahm mit seinem Vortrag „‚Überschwemmung. Zirkulation. Praktik.‘ Wie wir uns das Verhältnis von Markt und Medienkonsum denken“ den Vorstoß, den Begriff der Zirkulation in die Diskussion zu bringen. Damit einher ging die Einsicht, dass Individuen gar nicht souverän Geschichten einspeisen können, sondern eher verstrickt in Geschichten sind. Der Ort für Geschichten seien nicht die Individuen, sondern die Institutionen. Im Mittelpunkt des Vortrags stand – neben dem Begriff der Praktik und dem der Überschwemmung als eines Zustands des Marktes, den die Kulturkritik anprangert – der Begriff der Zirkulation. Christians legte mit seinem Vortrag auch eine brillante Lektüre von Thoreaus Walden vor. Thoreaus Vater war Bleistiftfabrikant, um sein abgeschiedenes Haus im Wald zu bauen, legte Thoreau nun mit der Axt Hand an die Äste, die den Rohstoff für Bleistifte und Papier darstellen. Der Rückzug in den Wald ist einer zum Holz als Rohstoff des Papiers. So ist Walden auch nicht als Geschichte über das Aussteigen zu lesen, der Protagonist bleibt inkludiert. Gerade hier habe eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Ökonomie und Narration anzusetzen: Zirkulation muss analysiert werden.

 

Alexander Preisingers (Wien) Vortrag „Naturgesetze, Krankheiten und Propheten. Kapitalismuskritik als mittlere Erzählung“ ging von der hohen Popularität der Kapitalismuskritik aus, die zu einer Selbstverständlichung der Rede vom Neoliberalismus geführt habe. Mit Hardt/Negri und der linksintellektuellen Renaissance sei „der Neoliberalismus“ zum zentralen Angriffspunkt geworden; Kapitalismuskritik, so konstatierte Preisinger, sei mithin Kritik am Neoliberalismus. Mit dem 10jährigen Jubiläum sei Attac in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Eine Kritik an der Kapitalismuskritik formiere sich erst in jüngster Zeit. Einen Beitrag dazu leistet Alexander Preisinger. Kapitalismuskritik suggeriere zwar, selbstevident zu sein, stütze sich aber auf durchaus untersuchungsbedürftige semio-narrative Muster. Preisinger untersuchte narrative Muster um den Begriff der „Deregulierung“ und zog dazu den einschlägigen Artikel aus dem von Hans-Jürgen Urban herausgegebenen ABC zum Neoliberalismus heran. Nachweisen lässt sich, dass darin auf hoch schematische Weise isotope Wertzuweisungen auf das Subjekt „neoliberaler Mensch“ vorgenommen werden. Zwar verstand Preisinger seine Anmerkungen als deskriptiv. Als kritische Anmerkung fügte er jedoch hinzu, dass sich Kapitalismus doch jenseits von Klischees diskutieren lassen sollte: „Eine andere Kritik ist möglich!“

 

Zum Abschluss der Tagung legte Stefan Börnchen (Köln) mit „Dagobert, Gold“ einen fulminanten und originellen Beitrag vor, der Dagobert Duck als Kapitalismuskritiker vorstellte. Anhand von Carl Barks’ Dagobert-Comics stellte Börnchen fest, dass Dagobert dezidiert nicht im Rahmen von Bankgeschäften reich geworden sei, sondern sich seine Taler mit eigener Arbeit verdient habe und dabei, wie er selbst betont, ein „ehrlicher Mann“ geblieben sei. Dagobert bringt sein Geld auch nicht zur Bank, sondern hortet es bekanntlich im eigenen Speicher. In diesem Sinne ist er Antikapitalist und entzieht sich der „monströsen Filiation“ (Joseph Vogl) des – mit einem Wort von Marx – „Geld heckenden Geldes“. So wird für Börnchen ausgerechnet Dagobert Duck zur Verkörperung einer „geradezu marxistischen“ Kapitalismuskritik. Was hier deutlich wird, dass nämlich der genaue Blick auf die kulturelle Dimension des Marktes vermeintliche Gewissheiten über das Verhältnis von Ökonomie und Narration nachhaltig zu verunsichern vermag – wir sehen: Dagobert als Inbegriff des Schwerreichen ist ein Antikapitalist – lässt sich als eines der zentralen Ergebnisse der Tagung werten. Die in den Diskussionen immer wieder geforderte Re-Politisierung der Literatur- und Kulturwissenschaften paarte sich in Luxemburg fruchtbar mit jener Offenheit und intellektuellen Neugierde, die solcherlei Forschungsergebnisse erst möglich macht. Die schwierige Beziehung von Ökonomie und Literatur, von der Wilhelm Amann zu Beginn der Tagung sprach, dauert an. Den Initiatoren und Teilnehmer der Tagung gebührt das Verdienst, einiges Licht auf dieses Verhältnis geworfen zu haben.

 

Irmtraud Hnilica

irmtraud.hnilica@fernuni-hagen.de

 

Der Auftakt der Konferenz war die Podiumsdiskussion Finanzen und Fiktionen in Euroraum

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