30.11.1999

Die grenzüberschreitende Kooperation in der Großregion – Christian Wille

Die grenzüberschreitende Kooperation in der Großregion – Christian Wille

Der Kulturwissenschaftler Christian Wille betonte, dass es sich bei alltäglichen Grenzen heute mehr um konstruierte Grenzen, die durch das Handeln oder die Diskurse der Menschen hergestellt werden, als um politische Grenzen handele. Sichtbar werde dies in einer Untersuchung über das räumliche Zugehörigkeitsgefühl der Grenzgänger in der Großregion: Daraus gehe hervor, dass sich die Menschen am stärksten mit ihrem Heimatland, mit ihrer Wohnregion und mit ihrer Stadt oder Dorf identifizieren. Die Grenzgänger fühlen sich sogar eher als Weltbürger, als dass sie sich der Großregion und ihrer Arbeitsregion zugehörig fühlen.

Grenzgänger mit sozialen Kontakten oder anderen Aktivitäten (Arztbesuch, Einkaufen, Theaterbesuch) am Arbeitsplatz fühlen sich ihrer Arbeitsregion in der Regel stärker verbunden als solche, die privaten Aktivitäten nur in ihrer Wohnregion nachgehen und in der Arbeitsregion lediglich arbeiten. Bei dem Phänomen der strikten Trennung spreche man auch von vorder- und rückseitigen Lebensbereichen (Anthony Giddens) oder von einer „räumlichen Diskontinuität“. Trotz täglicher Grenzüberschreitung herrsche zudem bei Grenzgängern ein Streben nach Abgrenzung von den Einwohnern der Arbeitsregion vor – also ein Streben nach Differenzkonstruktion, wobei positive Eigenschaften eher der eigenen Gruppe zugeschrieben werden. So werden bei einer Umfrage in Lothringen dem eigenen Volk wesentlich häufiger positive Eigenschaften wie Bescheidenheit, Fleiß, Humor und Offenheit zugesprochen. Nur bei einigen Eigenschaften sei die Einschätzung sehr ähnlich: Beide Gruppen werden eher als provinziell, konservativ und materialistisch eingeschätzt.

Eine Studie über die Einschätzung der Grenzgänger durch die luxemburgische Wohnbevölkerung zeige, dass die Pendler hinsichtlich sozioökonomischer Aspekte herzlich willkommen sind, weil sie für die Wirtschaft unverzichtbar seien und gleichzeitig keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt darstellen. In soziokultureller Hinsicht hingegen sehe die überwiegende Mehrheit der Luxemburger die Grenzgänger als eine Bedrohung für die luxemburgische Sprache und weniger als eine kulturelle Bereicherung. Das bedeute, so Wille, dass Grenzen von den befragten Luxemburgern zwar relativiert werden, jedoch lediglich zum Zweck der Sicherung des eigenen Wohlstands und Wachstums. Gleichzeitig aber werden Grenzen hergestellt und rekonstruiert, wenn von den Grenzgängern eine Anpassung an die luxemburgische Kultur oder das Erlernen der luxemburgischen Sprache eingefordert wird. Abschließend stellte Christian Wille dar, dass trotz der problemlosen Überwindung politischer Grenzen diese aber nicht  an  Bedeutung für die Menschen verlieren. Die Menschen halten weitgehend an vertrauten Ordnungen fest, rekonstruieren Grenzen oder konstruieren neue Grenzen. Erklärbar sei dies dadurch, dass Grenzen Identität schaffen. Grenzen schaffen Ordnungen und helfen, die soziale Welt zu differenzieren und sich in ihr zu verorten.

Damit gäben Grenzen Orientierung, die auch Menschen unter Bedingung höchster Mobilität benötigen. Aber diese Grenzen müssen nicht zwangsläufig mit den politischen Grenzen zusammenfallen. Zudem würden Grenzen über Mechanismen der Inklusion und der Exklusion hergestellt. Identität bzw. das Eigene, entstehe konstitutiv durch die Abgrenzung zum Anderen: Grenzen träten dann in Erscheinung, wenn vom Anderen – in welcher Weise auch immer – gesprochen wird. Mit der Konstruktion des Anderen verknüpft sei aber immer auch die Konstruktion des Eigenen. Das heißt, so Wille, der Andere ist konstitutiv für die eigene Identität.

Daher sei das Herstellen von Grenzen oder die Praxis der Abgrenzung eine Konstante des sozialen Zusammenlebens, die sich auch im Alltag der Grenzgänger in der Großregion wiederfinden lasse.

 

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