vom 27.06.2013 bis zum 29.06.2013
Abtei Neumünster, 28 rue Münster, Luxemburg-Grund

Jenseits von Bayreuth. Richard Wagner heute – Konferenz

Anlässlich des Wagnerjahres 2013 organisieren das Institut Pierre Werner und die Universität Luxemburg vom 27. bis 29. Juni 2013 eine dreitägige Konferenz
Jenseits von Bayreuth. Richard Wagner heute – Konferenz

 

Jenseits von Bayreuth. Richard Wagner heute:
Neue kulturwissenschaftliche Perspektiven

Konferenz

27. – 29. Juni 2013

 

„Erzrichard“ und „Totalstwagner“ heißen zwei Wagner-Büsten, die Jonathan Meese nach einem Bayreuth-Besuch im August 2011 für ein satirisches Poster gezeichnet hat („Die Zeit“, 4.8.2011, S. 51). Meese bricht ironisch karikierend den kunstreligiös-politischen Kult und Kitsch um Wagner. Gleichzeitig aber schreibt er so jenen im 19. Jahrhundert verwurzelten hochkultu- rellen – kann man sagen: ‚deutschen’? – Diskurs fort, an dem ‚Wagnerianer’, Wagner-Kritiker und -hasser gleichermaßen teilhaben.

Doch Wagner gibt es auch jenseits der „Totalstausdehnung ‚Bayreuth’“ (Meese) – nicht nur in Opernhäusern auf allen Kontinenten, in denen Wagners Musikdramen – vor allem „Tristan und Isolde“ sowie „Der Ring des Nibelungen“ – immer noch zu den größten Ereignissen zählen. Der eben an der Metropolitan Opera entstandene „Ring“ von Robert Lepage wird weltweit beachtet, und aus Anlass seiner „Walküren“-Premiere erläuterte der Musikkritiker Alex Ross auf fünf Seiten des „New Yorker“ (!) – durchaus nicht das US-amerikanische Pendant zu den „Bayreuther Blättern“ – die Faszination von zehn Takten beziehungsweise 30 Sekunden (!) Musik der „Wal- küre“ („The New Yorker“, 25.4.2011, S. 80–85).

Und Hollywood: Wenn Déagol im Trailer des „Lord of the Rings“ den Ring aus dem Wasser greift, steht Alberich Pate; wenn ihn gleich darauf sein Freund Sméagol – später Gollum – um des Ringes willen tötet, Fasolt und Fafner. Wenn der Held der DC-Comics-Verfilmung „Thor“ seinen Hammer aus dem Fels reißt, ist Siegmund das Vorbild. Und wenn im „Wrath-of-the-Titans“-Trailer Zeus zu Perseus sagt „Being half-human makes you stronger than a god“, dann klingt Wotans Wort über Siegfried nach: „de[n] eine[n]“, der „freier [ist] als ich, der Gott“ („Die Walküre“, 3. Aufzug, 3. Szene).

Ja, sogar da, wo Hollywood ausdrücklich Wagner und Hitler zusammenbringt, handelt es sich durchaus nicht notwendig um die einfache Gleichung von Nationalsozialismus und ‚Totalstwagnerei’. „You know your Wagner, Colonel. […] One cannot understand National Socialism if one does not understand Wagner“, murmelt Hitler auf dem Berghof in Bryan Singers „Valkyrie“, verfängt sich dabei jedoch mit seinen Wagner-Ausführungen gegenüber dem – ausgerechnet wie der oberste (!) Gott Wotan einäugigen – Oberst Stauffenberg in den Widersprüchen des „Rings“. Und der Film löst diese Widersprüche nicht, sondern stellt sie allenfalls still: in jener Szene nämlich, in der Stauffenbergs Kinder zum „Walkürenritt“ Krieg spielen, bis Bomben fallen. Die Plattenspieler-Nadel springt, und am Ende dreht sich die Kamera so mit der Schallplatte, dass ihr Etikett für den Betrachter stillsteht und neben den Namen Wagner und Knappertsbusch auch das EMI-Logo mit seinem Satz „Die Stimme seines Herrn“ zu lesen ist: wobei nicht in diesem hier zynischen Slogan, sondern in dem suggestiven, so meisterhaft wie manipulativen audio-visuellen Dispositiv, das ihn buchstäblich erst lesbar macht, die Erklärungskraft der Szene liegt: also eine medien-analytische Erklärungskraft.

Über analytische Erklärungskraft, und zwar Erklärungskraft für die Gegenwart, verfügt Wagners Werk offenbar wie kaum ein Œuvre des 19. Jahrhunderts. Ist nicht, um nur ein Beispiel zu nennen, Jack Bauer, Protagonist der Fox-Network-Serie „24“, ein Wiedergänger Siegfrieds?

Beschreiben nicht Wotans Worte über Siegfried ganz genau jenes Verhältnis, das in der Serie der amerikanische Präsident zu Jack Bauer unterhält: „Nur Einer könnte / was ich nicht darf: / ein Held, dem helfend / nie ich mich neigte; / der fremd dem Gotte / frei seiner Gunst, / unbe- wusst, / ohne Geheiß […] / schüfe die That, / die ich scheuen muss.“ („Die Walküre“, 2. Aufzug, 2. Szene) Und liegt, wie es am 19. Februar 2007 im „New Yorker“ hieß, der Grundkonflikt der Serie „24“ tatsächlich darin „that the letter of American law must be sacrificed for the country’s security“ – reflektiert dann die Serie nicht exakt das Problem von Wagners „Ring“? Jack Bauers Worte „I don’t wanna bypass the Constitution, but these are extraordinary circumstances“ könnten von Wotan stammen: auch er will ja nicht die Verträge auf seinem Speer brechen, also die von ihm selbst der Welt gegebene Verfassung, muss sie aber um der eigenen Sicherheit willen umgehen, indem er Siegfried ähnlich below the radar von Gesetzen und Verträgen agieren lässt, wie es Jack Bauer tut.

Um Wagner-Bezüge wie die hier beispielhaft skizzierten geht es der geplanten Tagung. Sie wollen insofern ‚jenseits von Bayreuth’ – oder, mit Meese: jenseits der „Totalstausdehnung ‚Bayreuth’“ – stehen, als sie ausdrücklich nach neuen kulturwissenschaftlichen und theoretischen Wagner-Perspektiven fragen. Das schließt musikwissenschaftliche, auch im technischen Sinne musikanalytische Betrachtungen ein. Es geht darum, Wagner und seine historischen Kontexte jenseits der alten, in Bayreuther und anderen Kreisen liebgewonnenen Einsichten und Meinungen neu zu lesen. Es geht darum, Wagner neuen Methoden und neuen thematischen Anschlüssen zugänglich zu machen, wie sie in den letzten Jahren zum Beispiel von Alain Badiou, Laurence Dreyfus, Marc A. Weiner und Slavoj Žižek präsentiert worden sind – aber auch von Barrie Kosky in seiner sensationellen Essener „Götterdämmerungs“-Inszenierung von 2010 und im Hannoveraner „Ring“ von 2011.

Gibt es, um nur zwei von Žižek aufgeworfene Fragen zu nennen, tatsächlich eine tiefe Affinität zwischen Wagner und – ausgerechnet – Rossini, die im Erhabenen zu suchen wäre? Ist Parsifal tatsächlich ein Vorbild des von Keanu Reeves verkörperten Neo in „The Matrix“? (Slavoj Žižek: „Why is Wagner Worth Saving?“, in: Journal of Philosophy & Scripture 2,1 [Fall 2004], S. 18–30)

Wagner, seine Vor- und seine Wirkungsgeschichte neu lesen: das ist Ziel der geplanten Konferenz. Auch für die Wagner-Forschung soll das an Alberich gerichtete Wort des Wanderers gelten (Siegfried, 2. Aufzug, 2. Szene): „Was anders ist, das lerne nun auch!“

 

Programm der Konferenz

 

Organisiert mit der Universität Luxemburg, Universität zu Köln und der John Hopkins University mit der Unterstützung des CCRN.

 

français - kontakt - impressum