12.02.2012

Finanzen und Fiktionen im Euroraum

Finanzen und Fiktionen im Euroraum

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Paul Jorion, Sozialwissenschaftler und Publizist, wies darauf hin, dass hier noch Grundlagenarbeit zu leisten sei: wir wüssten ja gar nicht, wie die sprachlichen Modelle, mit denen wir operieren, überhaupt funktionierten. Notwendig sei also eine Vogelperspektive, von der aus die Fiktionen durchschaut werden könnten.

 

 

An dieser Stelle, so der naheliegende Schluss Roman Luckscheiters, sei wohl die Literaturwissenschaft gefragt.

Jürgen Wertheimer (Tübingen), der auf dem Podium die Literaturwissenschaft vertrat, reagierte mit der nur halb scherzhaften Bemerkung, es sei doch eine Zumutung, dass ausgerechnet die Literatur- und Kulturwissenschaft nun den „Karren aus dem Dreck“ ziehen solle. Gleichwohl hielt Wertheimer Vorschläge parat: der Markt solle von seiner „parareligiösen Dimension“ entlastet werden. Der Markt könne schließlich nur eines: Gewinne versprechen.

 

 

Klemens Kindermann (Köln) hatte als Leiter der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft beim Deutschlandfunk eine andere Perspektive. Zunächst berichtete er anschaulich von seiner Arbeit: man sah den Wirtschaftsjournalisten regelrecht vor sich, wie er frühmorgens in Köln die Nachrichten der vergangenen Nacht überblickt und entscheidet, was in die Sendung aufzunehmen ist. Wichtig bei der Vorbereitung der Sendung sei, dass eine Geschichte erzählt, eine Fiktion kreiert werden müsse – und wenn diese nur daraus bestehe, dass man Bilder verwende, um das Finanzmarktgeschehen zu veranschaulichen. Diese Bilder, die oftmals nicht zusammenpassten und selbst in sich schon nicht schlüssig seien, würden häufig einfach nur nebeneinander gestellt und selbst nicht mehr reflektiert, so kritisierte Kindermann.

 

 

Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Starbatty (Tübingen) wollte die Anteile der Fiktionen anders verteilt wissen; der Euroraum sei zu wenig von Juristenfiktionen erfüllt. Das Problem einer zu kurzfristig denkenden Wirtschaft erläuterte Starbatty, indem er selbst zu einer Erzählung anhob: Auf den Vorstandsetagen gebe es nur noch „Möhrenpflanzer“, also auf kurzfristigen Ertrag setzende Akteure, „Walnussbäume“ wolle hingegen niemand mehr pflanzen. Die Wirtschaftswissenschaft könne in diesem Zusammenhang die Rolle eines Korrektivs gar nicht wahrnehmen: sie interessiere sich schon lange nicht mehr für die ökonomische Realität, sondern letztlich nur für first ranked journals, sei also hermetisch selbstbezüglich.

 

http://youtu.be/t3shReSrc9A

 

Paul Jorion stellte die Frage in den Raum, ob eher ein Zuviel oder ein Zuwenig an Fiktion zu beklagen sei. Luckscheiter meinte, dass der Euro als Vision doch immerhin eine großartige Leistung sei. Braucht der Euro, so Luckscheiters Frage an den Chief Executive Officer der Luxemburger Bankenvereinigung Jean-Jacques Rommes (Luxemburg), also einfach eine Imagekampagne?

Die Banken, sagte Rommes, könnten zu einer Imageverbesserung des Euro wenig beitragen. Im Publikum sah man erstaunte Gesichter, als Rommes ausrief: „Banken haben kaum eine Lobby!“

 

 

Dabei ergebe sich das, was den Banken vorgeworfen wird, ihr Wachstum nämlich, aus der Überschuldung der Wirtschaft, nicht aus der Gier der Banken. Wertheimer konnte diese Ansicht nicht teilen. „An diesem System“, insistierte der Literaturwissenschaftler, „ist etwas oberfaul!“ Unter Berufung auf die geistesgeschichtliche Tradition der Aufklärung drängte Wertheimer auf eine verschärfte Kontrolle der Banken – und erhielt dafür Szenenapplaus.

 

http://youtu.be/Q5Yw8a6KJcE

 

Im für Beiträge aus dem Publikum geöffneten zweiten Teil der Diskussion fragte Stefan Heidenreich, ob es nicht die größte Katastrophe überhaupt sei, wenn alle Schulden auf einen Schlag zurückbezahlt würden. Die Suggestivfrage machte deutlich, wie existenziell das Finanzsystem auf dem Kreditwesen beruht. Letztlich auch das ein Beleg für die intime Beziehung von Finanzen und Fiktionen: denn dass ein Gläubiger seinen Kredit bedient, ist zunächst einmal nur auf Grundlage eines fiktiven Zukunftsentwurfes anzunehmen.

 

 

Am Ende einer lebhaften und kontroversen Diskussion war klar: die Frage nach Finanzen und Fiktionen ist so virulent wie ungeklärt. Und sie betrifft Banken, Journalismus, Wirtschaftswissenschaft, Kulturwissenschaften auf ihre je verschiedene Weise. Konsens war am table ronde schon deshalb nicht zu erzielen. Das aber war eine gute Voraussetzung für die sich an den beiden Folgetagen anschließende Tagung.

 

Bericht von Irmtraud Hnilica

 

Video der Podiumsdiskussion in Gesamtlänge

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