09.12.2010

Europäische Kulturhauptstädte interkulturell: Luxemburg und die Großregion, Essen für das Ruhrgebiet, Pècs und Istanbul

Europäische Kulturhauptstädte interkulturell: Luxemburg und die Großregion, Essen für das Ruhrgebiet, Pècs und Istanbul

Podiumsdiskussion am Donnerstag, 09. Dezember 2010 mit:

(Salle E. Dune, Abbaye de Neumünster, 18:45 Uhr)

Robert Garcia, Intendant, Kulturhauptstadt 2007 in Luxemburg und der Großregion,

Esra Nilgün Mirze, Leiterin für internationale Beziehungen, Istanbul2010,

Susanne Puchberger, Projektleiterin MELEZ, Ruhr.2010,

Zekai Fenerci, Renegade Theatre, Pottporus e.V., Herne,

Tamàs Szalay, Kulturdirektor, Pécs2010,

Gaëlle Crenn, Dozentin für Kommunikation und Information, Fachhochschule Charlemagne in Nancy

Europäische Kulturhauptstädte wurden ins Leben gerufen, um den Dialog zwischen den Kulturen in Europa zu fördern, die europäische Identität zu stärken und die Bürger von der Notwendigkeit des Einigungsprozesses zu überzeugen. 2010 stehen die Fragen der Interkulturalität und Integration besonders im Vordergrund: Mit Essen für das Ruhrgebiet ist eine Region mit 5,3 Mio. Bewohnern aus 140 Nationen „Europäische Kulturhauptstadt 2010“. Zentrale Bemühung der Organisatoren war es, Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien durch Kultur zu integrieren und sie zu ermutigen, aktiv an den Projekten 2010 teilzunehmen. Neben Essen richtet auch Pècs das Kulturhauptstadtjahr aus. Pècs ist Heimat von neun ethnischen Minderheiten. Unter dem Motto „die grenzenlose Stadt“ wird versucht, mittels Kultur das von unsichtbaren Grenzen Geteilte miteinander zu verbinden. Zum ersten Mal trägt zudem die Hauptstadt eines Beitrittskandidaten den Titel: Istanbul. Aufgrund der interkontinentalen Lage zwischen Asien und Europa und als Metropole im Spannungsfeld von politischer Säkularisierung und religiöser Bindung nimmt Istanbul eine interkulturell wichtige Bedeutung ein. Zuvor spielte Interkulturalität und Integration nur eine ähnlich wichtige Bedeutung, als Luxemburg den Titel trug (1995 und 2007). Interkulturalität, Multilingualität, Migration und Grenzgängerschaft standen damals im Zentrum der Aktivitäten.

Kulturschaffende, Wissenschaftler und Mitglieder der Organisationskomitees ziehen Bilanz, stellen konkrete Projekte vor und versuchen, Thesen für Scheitern und Gelingen von Integration durch Kultur zu formulieren.

_____________________________________________________________

Bericht

Im Rahmen der türkischen Kulturwoche in der Abtei Neumünster und der gleichnamigen Tagung an der Universität Luxemburg organisierte das IPW eine Podiumsdiskussion über die Europäischen Kulturhauptstädte, zu denen in diesem Jahr auch Istanbul gehört. Aus diesem Anlass wurden Organisatoren der drei Kulturhauptstädte 2010, ebenso wie der Generalkoordinator der Kulturhauptstadt Luxemburg und die Großregion 2007, ein Kulturschaffender und eine Wissenschaftlerin eingeladen. Die Gäste stellten ihre jeweiligen Städte, konkrete Projekte sowie Forschungsergebnisse vor, mit der Absicht, eine Bilanz zu ziehen und zu klären, ob Integration durch Kultur erleichtert werden kann. Moderiert wurde die Diskussion von Diane Krüger, IPW.

Die erste Rednerin, Esra Nilgün Mirze, Leiterin für internationale Beziehungen, Istanbul 2010, stellte zunächst die Stadt sowie die Planungsarbeiten vor, welche im Vorfeld des Projekts für 2010 geleistet wurden. Angesichts der geografischen Lage, der Geschichte und der kulturellen Vielseitigkeit sei Istanbul eine Weltkulturhauptstadt. Warum also sei es erstrebenswert gewesen, den Titel Europäische Kulturhauptstadt zu bekommen? Die Organisatoren sahen dies als eine ideale Plattform, um die Lebenswirklichkeit in der Türkei darzustellen, den orientalisch geprägten Eindruck zu hinterfragen und die kulturelle Infrastruktur vor Ort neu in Szene zu setzen. Das Resultat sei ein erfolgreiches Kulturjahr gewesen, welches alle Alters- und Einkommensklassen mit einbezogen habe – auch die Migranten. Obwohl man nicht alle Ziele habe erreichen können, so habe das Projekt doch dazu beigetragen, einige sonst eher unbeachtete Themen in die öffentliche Debatte zu bringen. Vor allem konnten die kulturellen Beziehungen mit europäischen Institutionen verstärkt werden und zum ersten Mal hätten Verwaltung, Wirtschaftsvertreter und unabhängige Organisationen (NGOs) an einem Tisch gesessen, um gemeinsam an dem Projekt Kulturhauptstadt zu arbeiten. Sie unterstrich aber, dass Politik und Kunst streng getrennt bleiben sollten. Kunst solle nicht instrumentalisiert werden.

Tamás Szalay stellte als nächste Kulturhauptstadt Pécs vor, für die er als Kulturdirektor zuständig ist. Er betonte, dass Pécs neun der 13 anerkannten Minderheiten Ungarn beherberge und aus diesem Grund ein besonderer Wert auf den multikulturellen und multiethnischen Charakter der Projekte gelegt worden sei. Die Stadt könne seiner Meinung nach als Modell für den Umgang mit Minderheiten für Westeuropa dienen. In Pécs seien die Minderheiten toleriert und akzeptiert. So gäbe es z.B. Gymnasien in deutscher und kroatischer Sprache und ein Gymnasium für Roma. Die Kultur der Minderheiten sei tief verankert im Alltag der Menschen und für jedermann zugänglich. Als symbolisches Beispiel nannte er die Moschee Gazi Khassim, die zur christlichen Kirche umfunktioniert wurde, aber islamische Elemente wie ein Koranzitat (gegenüber eines Bibelzitats) und ein Halbmond neben dem Kreuz beibehielt. Um diese Vielfalt auch in den Projekten 2010 zum Ausdruck bringen zu können, hätten die Organisatoren jene Verbände unterstützt, die positive Diskriminierung praktizierten. Wichtig sei die Vernetzung der verschiedenen in Pécs beheimateten Gemeinschaften gewesen und nicht etwa ein Nebeneinander homogener Gruppen, die den Umgang mit anderen meideten. Stichwort Nachhaltigkeit: z.B. wurde im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs ein Zentrum für Minderheitenforschung eingerichtet. Ein weiterer Erfolg der Kulturhauptstadt, der nachhaltig sei, sei das Netzwerk mit Großstädten aus den Nachbarländern, das 2010 entstand.

Im Anschluss stellte Susanne Puchberger das Projekt MELEZ (türkisch für Hybrid, Mischung) vor, welches im Rahmen der Ruhr2010 und unter ihrer Leitung stand. Den Veranstaltern sei es wichtig gewesen, die Veranstaltungen so niederschwellig zu halten, dass ein möglichst breites und ansonsten kulturellen Veranstaltungen eher fernbleibendes Publikum angesprochen werden konnte. Das Festival MELEZ fand unter dem Motto statt: „MELEZ verbindet“. So fanden die Veranstaltungen u.a. in einem alten Zug statt, der in verschiedene Themenwaggons gegliedert wurde und sieben Städte des Ruhrgebiets miteinander verband. Als Beispiel für eine erfolgreiche, niederschwellige und interkulturelle Veranstaltung stellte Puchberger Tschuldigung is’ hier noch frei vor, bei dem sich einander fremde Menschen verschiedener Herkunft in einem Abteil begegneten und plaudern konnten. Somit trugen sie zu dem Erfolg eines Kulturprojekts bei, ohne etwas wirklich Ungewöhnliches zu tun, was von einer Vielzahl der Teilnehmer positiv beurteilt wurde. Als anspruchsvolles, politisches Projekt wurde Blackbox vorgestellt, welches das Schicksal aus Deutschland abgeschobener Menschen verdeutlichte. Zusammenfassend zog Puchberger den Schluss, dass es schwierig sei, auch Menschen mit Migrationshintergrund anzuziehen. Interkulturalität stelle nach wie vor ein schwieriges Thema in der Kulturarbeit dar, weil sie von der Öffentlichkeit auf besondere Weise wahrgenommen werde. Die Erwartungen an Veranstaltungen wie MELEZ seien derart hochgesteckt, das man ihnen kaum gerecht werden könne. Positiv stellte sie fest, dass viele Besucher an dem Festival teilnahmen und die Leiter der Kulturhauptstadt sowie Politiker das Thema Interkulturalität als wichtiges Thema entdeckt haben und sich auch nach Ruhr2010 dieser Thematik widmen möchten.

Zekai Fenerci, Gründer des Pottporus e.V. in Herne, stimmte Puchberger zu, dass Jugendliche und Migranten schwierig zu mobilisieren seien. Das Ziel seines Vereins bestehe in der Belebung der Straßenkultur, welche zunehmend verschwinde. Er wolle damit nicht im Besonderen junge Migranten ansprechen, sondern ganz allgemein Jugendliche aus verschiedenen sozialen Schichten zusammenbringen. Uns interessiert die Kunst, nicht der Migrationshintergrund, fasste Fenerci sein Anliegen zusammen. Zudem wies er darauf hin, dass meistens weniger der Migrationshintergrund als die soziale Herkunft eine Rolle beim Kulturkonsum spiele. Die Teilnahme an den Projekten der Ruhr2010 sei unumgänglich gewesen, um 2010 finanzielle Mittel für Projekte und mediale Aufmerksamkeit erhalten zu können. Fernerci kritisierte, dass sich die Organisatoren den interkulturellen Austausch auf die Fahnen geschrieben hätten, wobei anstatt der ansässigen Bevölkerung hauptsächlich Personen von außerhalb angesprochen worden seien. Worin bestehe der Sinn, Events auf englischer Sprache zu bewerben und durchzuführen, wenn doch die große Öffentlichkeit, die angesprochen werden soll, diese Sprache nicht beherrsche?

Robert Garcia, Leiter des Kulturzentrums CarréRotondes, war der Ansicht, dass alle Europäischen Kulturhauptstädte angesichts der zu hohen Erwartungen zum Scheitern verurteilt seien. Als Beispiel nannte Garcia Rotterdam, Kulturhauptstadt 2001, die den multikulturellen Charakter der Stadt in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellte. Trotzdem kam es im folgenden Jahr bei den Kommunalwahlen in Rotterdam zu einem enormen Stimmengewinn der rechtsextremen Partei. Im Jahr 2007 waren die Schwerpunktthemen in Luxemburg und der Großregion Migration und Grenzgängerschaft, wobei eigentlich nur Luxemburg selbst darauf eingegangen sei und die anderen teilnehmenden Regionen dies eher hätten vermeiden wollen. Die Kriterien für die Wahl von Projekten seien Innovation, Unabhängigkeit und eine grenzüberschreitende oder europäische Dimension gewesen. Die Veranstalter hätten die Erfahrung machen müssen, dass trotz der positiven öffentlichen Stimmung, die dem Projekt entgegen gebracht wurde, nur wenig Auswirkung auf die Luxemburger hatte. Es sei sogar eine Rückbesinnung auf nationale Symbole und nationalistische Parolen zu beobachten gewesen (s. die Diskussionen um die Luxemburger Flagge und Gëlle Fra). Eine positive Wirkung der Europäischen Kulturhauptstadt sei der Anstoß des künstlerischen Schaffens in Luxemburg gewesen. Nichtsdestotrotz sei man für lebendige Multikulturalität auf mehr angewiesen als den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt.

Gaëlle Crenn, die an der Universität Nancy zu zeitgenössischen Formen der Verwertung von Kultur forscht, brachte durch ihren Beitrag eine wissenschaftliche Sichtweise auf das Gesprächsthema mit ein. Sie verdeutlichte, dass es immer mehr Bewerber für den Titel Europäische Kulturhauptstadt gebe, die sich in einem Grenzgebiet befänden. Dies sei deutlich geworden durch Luxemburg und die Großregion, aber auch bei Marseille, Toulouse, Straßburg usw. In der Praxis aber sei es nur eine Minderheit der Kulturhauptstädte, die diese Thematik auch umsetze. Sie wies darauf hin, dass der Berichterstatter der europäischen Kommission in Bezug auf die Kulturhauptstädte 2007 und 2008 feststellte, dass die Programme so ausgerichtet waren, dass sie bereits kulturell Interessierte ansprachen und das Angebot für diesen Personenkreis erweiterten, nicht aber ethnische Minderheiten erreichten. Crenn unterstützte Garcia in der Aussage, dass Luxemburg im Jahr 2007 der einzige der Partner gewesen sei, der sich das Thema Multikulturalismus wirklich zu Herzen genommen habe. Sie wies abschließend darauf hin, dass die Städte, die auch versuchen, ihr Image zu verbessern, dazu tendieren eine globalisierte Kultur anzubieten. So standen teilweise globale, internationale Kulturstandards im Mittelpunkt und weniger die lokale Verankerung.

Presseschau :

Tageblatt 13.12.2010

Wort 13.12.2010

français - kontakt - impressum