08.12.2012

Der Charme der Koboldin

Der Charme der Koboldin

Dorian Steinhoffs Einführung zum Auftritt von Nora Gomringer am Samstag, dem 8. Dezember 2012 im CarréRotondes

Auf Twitter schrieb vor Kurzem jemand einen fiktiven Dialog zwischen einem Lyriker und seinem Freund: „Von dem Vorschuss für meinen Gedichtband habe ich mir eine neue Mütze gekauft“, sagte der Lyriker. „Und was ist mit dem Rest?“, fragte der Freund. „Den hat meine Mutter dazugegeben.“

Ich möchte an dieser Stelle nicht viel mehr über Zustand und Ruf der deutschsprachigen Gegenwartslyrik sagen, nur um dann auszuführen, warum Nora Gomringer zu all dem das positive Gegenteil darstellt. Außer vielleicht Eines noch: Nach meinen Beobachtungen beim diesjährigen open mike in Berlin, dem wohl renommiertesten deutschsprachigen Vorlesewettbewerb nach dem Bachmannpreis, ist Lyrik größtenteils etwas, das zu vermehrtem Hustenreiz im Saal führt, und zu dem betagte männliche Lektoren aus der ersten Reihe, die bereits um 13:00 Uhr vier Riesling intus haben, bedeutungsschwer und gönnerhaft nicken – kurz bevor sie sich den fünften Riesling auf die Cordhose kleckern. Verkürzt: Ich lese Gegenwartslyrik nicht, ich gehe rauchen, wenn ein Lyriker liest, ich kann mit der modernen Lyrik nichts anfangen. Aber ich mag die Lyrik Nora Gomringers. Wie geht das, werden Sie sich jetzt wahrscheinlich fragen.

Ich möchte versuchen, es zu erklären: Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, diese Veranstaltung wird mit dem Begriff „Spoken Word“ beworben. In den ruhmversprühenden Pressezitaten, die dem Ankündigungstext beigefügt sind, liest man dann aber nur von der Lyrikerin Nora Gomringer. Zunächst stellt sich also die Frage, was ist sie denn nun, diese Nora G.? Lyrikerin, Spoken Word-Poetin oder gar eine Performance Künstlerin? Nichts und alles davon! Nora Gomringer ist ihre eigene Form! Sie ist bereits jetzt, mit Anfang Dreißig, Die Gomringer. Und deshalb wird sie zu Recht gefeiert und beklatscht und mit Preisen zugeschüttet, denn seine eigene Form zu sein, ist das Höchste, was einem Dichter gelingen kann und es gelingt und gelang nur Wenigen.

Ich traf Nora Gomringer das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse 2010. Wir standen uns in einer Menschentraube gegenüber, vor dem Stand ihres erwähnenswerten Verlags Voland & Quist. Sie sah mich, und es war ein Sehen, kein Anschauen, sie sah mich und sagte: „Na, wen haben wir denn da?!“ In diesem Blick und diesem Satz liegt alles, was die Sprachkünstlerin Nora Gomringer ausmacht. Es ist der freche Charme einer Koboldin, dem man mit „ja“ antwortet, obwohl er keine Frage gestellt hat. Nora Gomringer fragt nicht lange, sie fragt direkt und weiß schon eine Antwort. Wem sie ihren Blick zuwendet, sieht sich einer strahlendwachen Unmittelbarkeit ausgesetzt, die sie bis in die letzte Silbe ihrer Texte trägt. Staunend und innehaltend, aber auch gerne mal polternd und genervt. Nur eines poltert nie: die Sprache. Da ist kein Wort, keine Redundanz zu viel oder zu wenig, da führt das Kleine zu den ganz großen Fragen. Nora Gomringer weiß, dass die großen Dinge nicht mit den großen Wörtern beschrieben werden können. Das ist die Lyrikerin. Aber das ist eben nicht alles. Nora Gomringer hat sich nicht einfach von Metrik und Rhythmus losgesagt oder ihnen eine korsetthafte Treue geschworen. Die Gomringer klingt, sie will ausgesprochen sein, und damit steht sie in der ältesten Tradition der Lyrik überhaupt: dem Mündlichen, dem gesprochenen Wort. Das ist die Spoken Word-Poetin. Und damit kommen wir nun zum eigentlichen Anliegen des heutigen Abends, dem Auftritt der Gomringer. Sie schreibt nicht nur diese einzigartigen Texte, sie holt vortragend auch noch jede Gefühlsregung, jedes nervöse Lidzucken und jeden Flurgeruch aus ihnen heraus und legt sie in ihre Stimme und formt mit ihnen ihr Gesicht. Das ist die Performance Künstlerin.  Es ist die Summe dieser Fähigkeiten, die Nora Gomringer zu dieser unerhört tollen Künstlerin macht, die sie ist. Und der Grund dafür, dass ich Lyrik doch mag.

Wir haben nun das Vergnügen sie zu erleben. Bitte begrüßen Sie: Nora Gomringer.

 

http://www.doriansteinhoff.de/blog/beitrag/thema/der-charme-der-koboldin.html

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