05.03.2012

Abtei Neumünster, Luxembourg-Grund

Boualem Sansal – Gespräch mit Joseph Hanimann

Boualem Sansal – Gespräch mit Joseph Hanimann

 

 Boualem Sansal

im Gespräch mit Joseph Hanimann

5. März 2012

 

 

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Autoren im Gespräch, unterhielt sich der algerische Schriftsteller Boualem Sansal mit Joseph Hanimann, Frankreich-Korrespondent der Süddeutsche Zeitung in Paris. Sie sprachen sowohl über seinen letzten Roman Rue Darwin (2011 erschienen beim französischen Verlag Gallimard), als auch über die gegenwärtige Lage in den arabischen Ländern wie Algerien und Syrien.

 

 

 

Rue Darwin – ein autobiographischer Roman

Neben Djéda, seiner Großmutter, erwähnte Boualem Sansal Erinnerungen an seine Kindheit in Algerien. Diese bilden die Rahmenhandlung in seinem Roman Rue Darwin. Der 1949 geborene Boualem Sansal verbrachte die ersten 8 Jahre seines Lebens in einem belebten, pittoresken und zugleich unbarmherzigen Umfeld, das von seiner Großmutter despotisch und mit eiserner Hand geführt wurde. Zu neuer Macht und einem beachtlichen Reichtum gelangte die Stammhälterin einer algerische Sippe über den Ausbau von Bordellen in Nordafrika und Frankreich. In Ihren Freudenhäusern ist sie – wie auch in den politischen und finanzwirtschaftlichen Kreisen Nordafrikas – unangefochtene Autorität, die es weiß, die moderne Macht des Geldes mit traditionellen Verhaltens – und Lebensweisen in Einklang zu bringen.

Obwohl Kronprinz dieser souveränen und unumstrittenen Stammhälterin, wird der Schriftsteller von seiner Mutter entführt. Es gelingt ihr, ihn bei sich in der Algerischen Casbah zu behalten. Dort erfährt der junge Sansal zum ersten Mal die Armut und Liebe seiner neuen Familie aber auch die ersten Aufstände am Vorabend der algerischen Unabhängigkeit.

Diese Kriegserfahrung, die dunklen Jahre Algeriens sollten bald all seine Romane motivisch durchziehen.

 

Aufbruch – ein oft wiederkehrendes Motiv in den Romanen von Boulaem Sansal

Erfahrungsgierig und auf der Suche nach sich selbst, brechen zahlreiche seiner Romanfiguren auf. Einige kehren zurück, andere nicht. Boualem Sansal sieht das Leben als eine Art innerer, spiritueller Weg. Man bricht auf, um dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, um Freiheit, Schönheit, Liebe zu erfahren. Doch bevor man sich auf eine solchen Reise begibt, muss man sich von den eigenen Erfahrungen und Anhaltspunkten lösen. In einem Land wie Algerien, werden derartige Ansprüche jedoch als Infragestellung der etablierte Ordnung angesehen. Andere, nicht im islamischen Glauben stattfindende, spirituelle Erfahrungen gelten als suspekt; das politische Regime erlaubt keine abtrünnigen Gedanken.So wurde das Exil für viele zur existenziellen Selbstfindung.

Das Volk

Nichts in Boualem Sansals Romanen erinnert an wahre Helden – nicht einmal der Krieg. Der Befreiungskrieg, sowie der anschließend in den 90er Jahren in einen Bürgerkrieg mündet, werden zwar vom Autor beschrieben, jedoch mit einer gewissen Distanz. Was ihn in dieser Zeit prägt, sind die menschliche Kleinkarriertheit, die spürbare Angst, der Egoismus, der sich ausbreitet wie ein Lauffeuer und der Verrat, der schließlich Formen eines erträglichen Zusammenlebens hervorbringt. Was für Sansal unter solchen Umständen bewunderungswürdig ist, sind nicht die Heldentaten, sondern der Eifer oder die Beharrlichkeit mit der all die einfachen Leute weiterhin ihren Alltagspflichten nachgingen. Unter der Anonymität des Banalen haben sie dafür gesorgt, dass das Leben weitergehen konnte.

Boualem Sansal, der sich dem Volk verbunden fühlt und dessen Würde schätzt, widersetzt sich der Manipulation durch die Propaganda der politischen Mächte der arabischen Länder. Als überzeugter Anhänger des Rechts auf Wahrheit – ganz gleich wie hart sie auch sein mag – lehnt er Politiker ab, die dem Volk schmeicheln oder es jeglichem geistigen Anspruch entledigen wollen. Aufgrund dieses Auftretens wird Sansal von der algerischen Staatsmacht als Verräter der Nation verschmäht.

Zur Lage in Syrien

Will man bei der Beilegung eines Konflikts mitwirken, so muss man diesen verstehen. Die Lage in Syrien ist jedoch so komplex, dass der Westen sich nicht weiter damit wird begnügen können, den dortigen Zustand von außen zu beobachten. Er wird eingreifen müssen, ohne jedoch am Ende militärisch zu intervenieren. Denn im Falle einer Intervention würde der Westen als islamfeindlich und imerialistisch abgestempelt werden – ein altbekanntes Lied, dem es durch die Mobilisierung der Volksmassen – und nicht durch die der Staatsführung – ein Ende zu setzen gilt. Im Falle Syriens beklagt Boualem Sansal die mangelnde Unterstützung des syrischen Volkes von Seiten der Bevölkerung in den westlichen Ländern.
Als Angehörige der intellektuellen Schicht komme Schriftstellern eine entscheidende Rolle zu: die des „Ersatzdienstleistenden“.

Die algerische Jugend

Im Gegensatz zur Jugend in anderen arabischen Ländern, die im arabischen Frühling eine entscheidende Rolle spielte, hat sich die die algerische Jugend bisher weitgehend passiv gezeigt. In Algerien, einem Land, in dem ihre Interessen von niemandem vertreten werden, hat die Jugend schon seit langem auf jegliche Form politischer Teilhabe verzichtet. Tatsächlich ist sie weder in der Regierung, noch in der Gesellschaft im Allgemeinen vertreten. Obwohl von der Entwicklung in ihrem Land – die in Wahrheit eher einem Stillstand gleicht – entsetzt, hat sie es aufgegeben, sich in das aktuelle Zeitgeschehen einzumischen und ersehnt sich nur eines: sich aufzumachen in die  weite Welt, eine Welt der Zukunft und Perspektiven.

 

 

Presseschau :

Wort  6.3.12

Wort  8.3.12

Zur Webseite  Boualem Sansals

 

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