13.06.2012

Abtei Neumünster, Luxemburg

Die Unsichtbarkeit der Migration – Podiumsdiskussion

Die Unsichtbarkeit der Migration – Podiumsdiskussion

 

 Die Unsichtbarkeit der Migration

Podiumsdiskussion

13.06.2012

 

Ausgangspunkt der Podiumsdiskussion war die These, dass Migration innerhalb Europas und nach Europa nach wie vor ein Problem der politischen Wahrnehmung darstellt. Menschen mit Migrationshintergrund erscheinen in Europa als Subjekte einer unbestimmten Differenz, nämlich als „fast, aber nicht ganz dasselbe“ (Homi Bhabha). Indes gelten auch die Europäer, sobald sie innerhalb Europas wandern (Arbeitsmigration), nicht ganz als dasselbe wie die jeweils Einheimischen. Darüber hinaus gibt es überall in Europa Menschen ohne jede politische Repräsentation. Daher wurden folgende Fragen erläutert: Wie zeigt sich Migration derzeit? Oder wie wird sie zum Verschwinden gebracht? Wie wird die Unsichtbarkeit der Migration – in ästhetischen Werken und in politischen Diskursen – in der Gegenwart thematisiert?

Organisiert vom Institut Pierre Werner und der Universität Luxemburg mit Unterstützung des Centre culturel de Rencontre Neumünster

Ausschnitt aus der Podiumsdiskussion

 

Teilnehmer

Claude Adam (L), kulturpolitischer Sprecher der Partei Déi Gréng
Jean-Philippe Domecq (F), Schriftsteller und Publizist
Jochen Hörisch (D),Literatur- und Medienwissenschaftler
Barbara Renno Saarländischen Rundfunk

 

 

Bericht zur Podiumsdiskussion

 

 

1/ Sichtbarkeit und Erscheinungsformen von Migration 

Auf Anregung der Moderatorin, Barbara Renno, beginnen die Diskussionsteilnehmer damit, jeweils ihren Standpunkt zur Sichtbarkeit der Migration in Europa darzulegen.

Prof. Jochen Hörisch, deutscher Literatur- und Medienwissenschaftler an der Universität Mannheim, weist auf die besorgniserregende Tendenz hin, Problemfällen von Migranten generell mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als Erfolgsgeschichten.

 

 

Claude Adam betont dass Migration in Luxemburg vor allem in den öffentlichen Verkehrsmittel, den Bildungseinrichtungen aber auch in kulturellen Einrichtungen, wie der luxemburgischen Philharmonie, sichtbar wird.

 

 

Jean-Philippe Domecq*, französischer Romanautor und Essayist, argumentiert seinerseits, entscheidend seien letztendlich Vorstellungen und Abbildungen: „Welche Wahrnehmung haben wir vom jeweils Anderen?“

 

 

 

2/ „Role models“ oder die Bedeutung von Migrationsikonen

Prof. Hörisch spricht in seinen Ausführungen von einem „Problem der Adressierbarkeit“. In der Tat wisse man zwar, so der Germanist, wo Migranten zu finden seien, nicht aber Migration. Somit wäre es wichtig, von einem mikroskopischen Standpunkt aus zu argumentieren. Dadurch könne auf individuelle Bedürfnisse einfacher und effizienter eingegangen werden, als mit Hilfe von verallgemeinernden Modellen.

 

 

Claude Adam ist da anderer Meinung ; „Role models“ kommt in Wahrheit eine große Bedeutung bei der Identitätsbildung der Migranten zu, so der Abgeordnete.

Jean-Philippe Domecq* verbindet mit Migration auch eine gewisse gemischte und somit durchlässige Bevölkerungsstruktur („mixité sociale“). In Wirklichkeit würde aber der zunehmend exklusiv wirkende Immobilienmarkt, eine gemischte und durchlässige Bevölkerungsstruktur verhindern. Dies ließe sich bestens an den Städten London und Paris belegen, wo sich die „mixité socale“ bereits als illusorisch erwiesen hat.
Zum Verständnis der Politik von der Rolle der Kunst bzw. der Kultur im Bezug auf Migration meint Domecq, weder Kunst, noch Kultur dürften einer Staatsideologie untergeordnet sein. Der Produktion von Kunst und Kultur bestimmte Vorgaben zu oktroyieren, würde einer Einschränkung der Kreativität der Künstler gleichkommen. Es wäre demnach riskant zu glauben, Kunst und Kultur könnten „richten, was die Politik versäume oder bereits versäumt habe“.

 

 

Prof. Hörisch hebt schließlich die Wichtigkeit des Prinzips der „Konversion“ hervor. Damit sei die Fähigkeit zur Alternanz bzw. Umwandlung gemeint. Diese liberale Grundidee, so der Germanist, müsse als kulturelle Auszeichnung „diktatorisch“ durchgesetzt werden, und zur Leitidee in Europa erhoben werden.

 

 

 

3/ Migration und kulturelle Teilhabe

Jochen Hörisch ist der Ansicht, dass das Publikum sich in gewisser Weise verpflichten müsse, am kulturellen Leben teilzuhaben. Dies gelte auch vor allem für das Migrantenpublikum und führe in erster Linie über das Erlernen der jeweiligen Landessprache. Eine intensive und zugleich bunte Teilhabe sei aber, so der Germanist, nicht immer einfach, da Kunst und Kultur immer mehr – unabhängig von der sozialen Schicht – zu einem gesellschaftlichen Distinktionsmerkmal verkommen.

 

 

Claude Adam nutzt daraufhin die Gelegneheit auf die „Kulturpass“-Initiative aufmerksam zu machen. Dabei erhält jede in Luxemburg ansässige Person einen individuellen Pass, der auf Antrag ausgestellt wird und kostenlosen Eintritt in Museen ermöglicht. Die Zahl der gestellten Anträge sei auch dieses Jahr wieder hoch gewesen, doch würde nur eine Minderheit unter den Besitzern eines solchen Passes auch tatsächlich davon Gebrauch machen.
Es sei besonders wichtig, Migranten bereits über den Weg der Schule mit Kunst und Kultur in Kontakt zu bringen – unabhängig vom Elternhaus. Somit könne das Interesse an einer kulturellen Teilhabe, von Beginn an gefördert werden.

 

 

* Die Übersetzung von Herrn Domecq erfolgte durch Frau Brigitte Eymard-Duvernay
Die Podiumsdiskussion bildete den Auftakt der Konferenz: „Die zwei Körper der Nation: Ästhetische Figurationen des Politischen“ vom 14.-16. Juni.

 

Im Rahmen der IPW-Reihe Kultur und Politik – Politik und Kultur und des ATTRACT-Projektes Ästhetische Figurationen des Politischen der Universität Luxemburg

 

 

 

 

 

 

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