30.11.1999
Abtei Neumünster, Luxemburg-Grund

Aristide Briand – Vortrag von Gérard Unger

Organisiert vom IPW mit der Unterstützung der Französischen Botschaft in Luxemburg und des CCRN
Aristide Briand – Vortrag von Gérard Unger

Aristide Briand

Bericht zum Vortrag von Gérard Unger

17.04.2012

 

Aristide Briand (1862-1932), Pilger des Friedens

Vom Sozialismus zum sozialen Pragmatismus

Aristide Briand wird 1862 als Sohn einer Gastwirtsfamilie in Nantes geboren. Sein Ehrgeiz und seine Intelligenz erlauben es ihm jedoch, ein Jura-Studium aufzunehmen.
Briand arbeitet zunächst als Journalist in St.-Nazaire. Seine Sympathien für das sozialistische Milieu, insbesondere für das extremistische Gedankengut Jules Guesdes, machen ihn schnell zu einem Verfechter des Generalstreiks. Briand wendet sich jedoch nach und nach von Jules Guesde und dessen dogmatischen Ansatz ab. Briands Pragmatismus, der seine gesamte politische Karriere entscheidend prägen wird, hält Ihn vom Sektierertum der politischen und ideologischen Kapellen fern. Zu Beginn seiner politischen Laufbahn musste Briand mehrere Wahlniederlagen hinnehmen.

Paris – erste Erfolgserlebnisse in der Politik

Als der junge Briand wegen eines Ehebruch-Skandals gerichtlich belangt wird, verlässt er Saint Nazaire und lässt sich in Paris als Anwalt nieder, wobei er weiterhin seiner Tätigkeit als Journalist nachgeht. Dort freundet er sich mit Jean Jaurès an, dessen Humanismus und gemäßigter Sozialismus bei Briand große Anerkennung findet. Gemeinsam setzen sie sich für die Verteidigung von Dreyfus ein.

1902 wird Briand, im Alter von 42 Jahren, in St.-Etienne zum Abgeordneten gewählt und kann somit seinen ersten Wahlsieg verzeichnen. Dies ist der Wendepunkt in seinem Leben. Er gibt daraufhin seinen Beruf als Journalist auf, um sich vollständig seiner Tätigkeit als Anwalt zu widmen. Mit großem Erfolg verteidigt er Arbeiter und Kriegsverweigerer. Zur gleichen Zeit wächst sein politisches Engagement.

1903 ist er bereits Vorsitzender des Parlamentsausschusses für die Trennung von Kirche und dem zu diesem Zeitpunkt von Emile Combes regierten Staat. Zwei Jahre später leitet der Kirchengegner Briand als Verfasser des Gesetzestextes die Verabschiedung des Gesetzes zur Trennung von Staat und Kirche in die Wege.
Sein dabei zum Vorschein kommender Pragmatismus beschert ihm daraufhin sowohl von Seiten der Kirchengegner, deren Starrsinnigkeit er ablehnt, als auch von Seiten der Katholiken, viele Feindseligkeiten.

Im Jahre 1906 nimmt Briand, trotz Widerspruch Jules Guesdes, den Posten des Außenministers an. Er verlässt daraufhin die SFIO und wird 1909 Ratspräsident. Als der ehemalige Verfechter des Generalstreiks mit dem großen Streik der Bahnarbeiter konfrontiert wird, gelingt es ihm den Sozialkonflikt friedlich beizulegen, was ihm großes Ansehen verschafft.
Er wird sowohl für seine Standhaftigkeit, als auch für seine Kompromissbereitschaft – Eigenschaften, die zugleich Kennzeichen seines politischen Handelns sind – bewundert und geschätzt.

Standhafte Landesverteidigung und Scharfsinnigkeit eines Siegers 

Als sich aufgrund der Marokko-Krise von 1914 einerseits, und des Aufstiegs des Militarismus jenseits des Rheins andererseits, die Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland verstärken, lässt Briand eine Wehrdienstzeitverlängerung von 2 auf 3 Jahre verabschieden. Zeigt sich Briand Deutschland gegenüber gesprächsbereit, so weiß er auch standhaft zu bleiben und so die Sicherheit Frankreichs zu gewährleisten.

Als 1914, deutsche Truppen in Frankreich einmarschieren, weigert er sich, Paris als offene Stadt auszurufen und widersetzt sich somit dem Entschluss des Generalstabs und einem Teil der in Bordeaux verschanzten Regierung. Für Briand ist dies ein bedeutender politischer Triumph.

Im Jahre 1915 weigert sich Briand Verdun aufzugeben. Auf Kosten schwerer Verluste gelingt es ihm, das Vorrücken der deutschen Truppen vorerst zu unterbinden.

Aristide Briand bleibt bis 1917 Ratspräsident. An den Friedensverhandlungen, aus denen später der Versailler Vertrag hervorgehen wird, nimmt er nicht Teil. Auch bei der Unterzeichnung des Vertrags glänzt Briand durch seine Abwesenheit – er weigert sich die politische Verblendung der Siegermächte gutzuheißen.

Als Clémenceau, gegen den Briand seit mehreren Jahren einen Hass hegt, bei den Präsidentschaftswahlen kandidiert, lässt er ihn kläglich scheitern. Im selben Jahr erlangt Briand seinen Posten als Außenminister zurück und wird bald darauf mit dem Problem der Reparationszahlungen konfrontiert. Um den Druck auf das mit den Zahlungen in Verzug gekommene Deutschland zu erhöhen, lässt Briand das Ruhrgebiet von französischen Truppen besetzen.

Aristide Briand, Sprachrohr der europäischen Aussöhnung

Briand ist zugleich französischer Botschafter beim Völkerbund – eine Allianz, die seiner Überzeugung nach für die Erhaltung des Friedens eine zentrale Rolle spielt.

In Partnerschaft mit seinem deutschen Amtsbruder, Gustav Stresemann, gelingt es ihm mit dem Locarno Vertrag, einen Konsens zu schaffen, der den Erhalt des Friedens vorerst sichert.

Im Jahre 1928 unterzeichnet er mit US-Außenminister Frank Kellog den Briand-Kellog Pakt, ein völkerrechtlicher Vertrag zur Ächtung des Krieges. Ganz gleich wie utopisch dieser Vertrag erscheinen mag – Briand sieht darin vor allem den Anstoß eines Friedensprozesses.

Mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise im Jahre 1929 stürzt all das, was Briand so sorgfältig für den Erhalt des Friedens aufgebaut hatte, ein. Innenpolitische Angelegenheiten, wie der Machtzuwachs extremer Parteien, überschatten die begonnene außenpolitische Zusammenarbeit.

Um dem entgegenzuwirken, entwirft Briand 1930 einen Fahrplan für eine europäische Einigung, jedoch ohne Erfolg.

Erst im Jahre 1932, zwei Monate vor seinem Tod, zieht sich Aristide Briand aus der Politik zurück.

Auswirkungen der Lebensgeschichte Briands für die heutige Epoche 

Ungeachtet der zahlreichen Straßen, die nach ihm benannt sind, wird Aristide Briand nicht der Platz in der Geschichte zugeschrieben, der ihm eigentlich zusteht.

Der Friedensnobelpreisträger von 1926 wusste die Macht, über die er verfügte, in den Dienst einer deutsch-französischen und darüberhinaus der europäischen Annäherung zu stellen.
Die Weltwirtschaftskrise aus dem Jahr 1929 hat seiner Strategie jedoch zeitweise den Wind aus den Segeln genommen. Dies sollte uns, gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise, zu denken geben.

 

Video des Vortrags von Gérard Unger (in französischer Sprache)

.

.

français - kontakt - impressum